Die Autorin betrachtet alle Predigtperikopen des Sonntags und seine Bedeutung als "Weißer Sonntag". Stichworte zur Nachhaltigkeit: sich nicht verunsichern lassen (Kol 2); leben in "Gütergemeinschaft" (Apg 4); statt Pessimismus der stärkeren Macht vertrauen (1 Joh 5, Joh 20); lebensfeindlichen Potenziale des Finanzmarktes entgegen steuern; "Ökonomie der Geburtlichkeit"
Exegese:

Kol 2, 12-15 kann zusammengefasst werden als: Leben in einer Welt der Mächte und Gewalten als (in der Taufe) Auferstandene, (von Sünden) Befreite und als Vertrauende (auf Gottes Wirklichkeit). Der Text wird von Warnungen an die Gemeinde umrahmt, sich nicht verunsichern oder durch Argumente abspenstig machen zu lassen (Kol 2, 8.16).

Apg 4, 32 ff. beschreibt eine christliche Utopie einer Gemeinschaft von Glaubenden mitten in einer Welt mit ungerechten Lebensvoraussetzungen. Nachhaltigkeit wird konkret gelebt: alle sollen ihr Auskommen haben. Diese "Gütergemeinschaft" umfasst Kinder, Frauen und Männer, Alte und Junge, Habenichtse und Wohlhabende.

Der 1 Joh betont die Hoffnung, die in der Überwindung des Todes durch Christus für die Gläubigen liegt. 1 Joh 5,4: "Dies ist schon der Sieg über die Welt, unser Vertrauen (zu Gott)". Unsere heutigen Erfahrungen betonen oft das Gegenteil: Pessimismus, manchmal Verzweiflung und Wut über die Zustände. Sie lassen uns daran zweifeln, dass in Christus die Logik lebenshemmender und todbringender Verhältnisse bereits überwunden sei.

Joh 20, 19-31: Jesus selbst kommt in die verschlossenen Räume der Ratlosen und Enttäuschten. Glaubende werden durch ihn mit der Geisteskraft begabt und sind, mit all ihren Zweifeln, seine Gesandten in diese Zeit. Thomas ist ein Realist. Er will sich nur auf sog. objektive Tatsachen verlassen. Doch er fasst Vertrauen in die stärkere Macht des lebendigen Christus.

"Weißer Sonntag" - Erstkommunion: Auch Kinder sind mit "Mächten und Gewalten" in ihrem Alltag konfrontiert, die ihren Glauben in Frage stellen. Sie wachsen auf in einer Welt, die beherrscht wird vom Diktat des Geldes, des immer mehr Haben wollen. Manche Kinder erleben bereits was Mangel und Armut bedeutet.

Meditation und Beispiele

"Mächte und Gewalten", die das Leben auf unserem Planeten heute beeinflussen und bedrohen, sind von Menschen gemacht. Z.B. die Entwicklung der alles bestimmenden Finanzmärkte, die zur Folge hat, dass wenige Menschen superreich und immer mehr Menschen arm sind und Mangel leiden. Das Streben nach raschem, hohem Profit ohne Rücksicht auf die Schöpfung scheint normal. In Diskussionen über wirtschaftliche Belange wird Menschen, die aufgrund ihres Glaubens die Entwicklung hinterfragen, oft vorgeworfen, sie hätten ja kein Fachwissen, sie verstünden die Sachzwänge nicht.

Die Botschaft der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation in Jamaika (Mai 2011)1) beinhaltet u.a. Abschnitte zu "Friede mit der Erde" und "Friede in der Wirtschaft". Zitat zu Wirtschaft: "Die Kirchen müssen lernen, effizienter für die vollständige Umsetzung von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten als Grundlage für 'eine Wirtschaft im Dienst des Lebens' einzutreten….Wir rufen die Regierungen dieser Welt dringen auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um ihre finanziellen Mittel in Programme umzuleiten, die nicht Tod, sondern Leben bringen. Wir ermutigen die Kirchen, gemeinsame Strategien, die auf eine Reform der Wirtschaft ausgerichtet sind, zu beschließen. Die Kirchen müssen wirksamer der unverantwortlichen Konzentration von Macht und Reichtum sowie der Geißel der Korruption entgegentreten. Zu den Schritten auf dem Weg zu gerechten und verantwortlichen Volkswirtschaften gehören effizientere Regeln für den Finanzmarkt, die Einführung von Steuern auf Finanztransaktionen und gerechte Handelsbeziehungen."
Um konkrete Schritte folgen zu lassen, hat der ÖRK einen Agape-Prozess begonnen, der konfessions- und religionsübergreifend geschehen soll. Gemeinsam kann es uns gelingen, die Hoffnung zu bewahren, das Vertrauen, dass die Heilige Geisteskraft auch heute Menschen befreien kann und auf(er)stehen lässt gegen "Mächte", für das Leben, das allen verheißen ist. Als Nachfolgegemeinschaft Christi sind wir gesandt, um uns einzumischen in die Realitäten unserer Zeit.

Eine, die heute dafür arbeitet, dass sich die Weltordnung mit Gottes Hilfe positiv verändert, ist die Theologin Dr. Ina Praetorius. Sie arbeitet daran, die heutigen Verhältnisse im Haushalt der Welt zu verändern, indem sie eine "Ökonomie der Geburtlichkeit"2) entwirft. Sie zeigt auf, wie all die Bereiche des menschlichen Zusammenlebens übersprungen werden, die im Haushalt der Welt grundlegend wichtig sind wie z.B. Nachbarschaftshilfe, bäuerliche Subsistenzwirtschaft und die vielseitige Care-Arbeit. Schon seit Aristoteles geht es nur noch um einen Teilbereich der Ökonomie, das Geld. Das Geld ist jetzt das Höhere und mit ihm der Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage. Alle anderen Bedürfnisse, die menschliches Leben ausmachen wie z.B. Hunger, Durst, Dreck wegputzen, Müll entsorgen, Kinder aufziehen, Alte pflegen, Zuwendung, Liebe, werden als niedrig, weil unwichtig für den Markt, eingestuft. Diese Zweiteilung der Welt bewirkt, dass Menschen, die sich nur mit Geld beschäftigen, immer reicher werden, während andere, die sich um die echten Bedürfnisse des Lebens kümmern, immer öfter an der Schwelle der Armut leben und ausgegrenzt werden. Diese Zweiteilung aufzuheben ist ihr Anliegen. Sie fordert dazu auf, immer wieder von Grund auf nachzudenken darüber: Was ist der Mensch? Welches sind unsere Grundbedürfnisse? Was behindert Leben - nicht nur das menschliche? Als eine mögliche Antwort auf diese Fragen engagiert sich Ina Praetorius u.a. für ein existenzsicherndes Grundeinkommen: "... befreit diese Einkommensform uns alle dazu, nicht ständig rentabel sein zu müssen. Dadurch gewinnen wir die Freiheit, Dinge zu tun, die Sinn statt Geld machen, und solche Freiheit ist dringend nötig."

Ina Praetorius sagt, solche Fragen und Antworten führen zu einer Ökonomie der Geburtlichkeit und lassen uns "gut handeln im Haushalt Welt". Diese Ökonomie der Geburtlichkeit begründet sie so: "Menschen ... kommen aus der Matrix Mutterleib und sind darauf angewiesen, dass die Matrix Welt, bestehend aus der sensiblen Hülle Kosmos, aus körperlicher und geistiger Nahrung, aus schützenden Gebäuden und Stoffen, aus sorgenden und sinnstiftenden Personen und Gemeinschaften, sie weiter hin so zuverlässig beschützt und versorgt wie die erste Matrix, von der sie jetzt abgenabelt sind".
Susanne Käser, Landau i. d. Pfalz


1) www.gewaltueberwinden.org/de/materialien/oerk-materialien
2) Dr. Ina Praetorius, Die Ökonomie der Geburtlichkeit oder: Gut handeln im Haushalt Welt, Vortrag am 24.8.2010 in der Evang. Akademie Loccum. Deutsch in: Report of the 8th General Assembly, Oekumenisches Forum christlicher Frauen in Europa (OEFCFE, www.oecumeneforum.de), S. 12ff. - Info bei Susanne Käser, OEFCFE-Mitglied.
Finanzielle Mittel in Programme leiten, die nicht Tod, sondern Leben bringen …
15.4.12 Käser
(S. Käser: © Misereor e.V.)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B            15. Apr. 12: Quasimodogeniti /
2. Sonntag der Osterzeit


evang. Reihe IV:
Kol 2, 12-15
kath. 1. Lesung:
Apg 4, 32-35
kath. 2. Lesung:
1 Joh 5, 1-6
kath. Evangelium:
Joh 20, 19-31