Bezug: Der Predigttext der evangelischen Leseordnung und das Evangelium der katholischen Leseordnung; Schwerpunkt: Die Erzählung von den Emmaus-Jüngern. Stichworte zur Nachhaltigkeit: die Suche nach tragfähigen Antworten; Sehen, worauf es letztlich ankommt, was nachhaltig wirkt und nicht von den Alltagssorgen verdeckt werden kann. Solidarität und Weggemeinschaft im Glauben als Hilfe für eine gute Zukunft.
Entdecken, wofür das Herz brennt

Die beiden unterwegs haben nur ein Thema, eine Antwort: Die tiefe Enttäuschung, weil der, den sie als Messias erhofft hatten, am Kreuz schändlich hingerichtet worden ist: "Wir aber hatten gehofft...". Das, worauf sie die Zukunft gesetzt hatten: auf den Messias, der erlöst und befreit: Er ist nicht mehr bei ihnen, meinen sie. Sie hatten doch gehofft, dass von ihm der politische und soziale Umbruch ausgeht, dass er die Welt auf den Kopf stellt, die gängigen Ordnungen über den Haufen wirft und ganz konkret als Feldherr gegen die römischen Besatzer antritt, um das Volk aus der Besatzung zu befreien. Und dann das: Er wird von der römischen Macht gefangengenommen, als Aufrührer verurteilt und am Kreuz hingerichtet, auf die schändlichste Weise des römischen Strafrechts. Er hat sie scheinbar allein gelassen. Ist von der stärkeren Macht besiegt. Der Tod hat dem Ganzen ein Ende gesetzt, so scheint es für sie in ihrer Trauer.

Da begegnen sie einem, der mit ihnen geht auf dem Weg. Sie erzählen davon, wovon ihr Herz voll ist. Und er legt ihnen die Schrift aus, heißt es. Er erklärt, ist geduldig, nimmt sich Zeit. Er gibt nicht den Oberlehrer, sondern geht von dem aus, was er von ihnen hört. Er nimmt sie in ihrer Sorge ernst. Den ganzen Weg geht er mit ihnen und spricht mit ihnen, sodass ihnen die Herzen brennen. Er trifft ins Herz. Das, was er zu sagen hat, bleibt nicht bei den Äußerlichkeiten stehen. Das, was er sagt, geht ans Herz, an den Kern der Sache; an das, was in dieser Situation für die Jünger wirklich zählt, was auch vom Tod nicht ausgelöscht werden kann, weil es das Irdische übersteigt. Da gehen ihnen die Augen auf.

Jesus speist die Jünger nicht mit schnellen Schwarz-Weiß-Antworten ab. Jesus durchbricht die Ordnung des scheinbar Offensichtlichen. Er hat das Vergängliche überwunden. Er hat den Tod besiegt: "Tod, wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel?" (1 Kor 15, 55). Er zeigt den neuen Weg, indem er ihn - ganz konkret - mitgeht.

Wer sich auf diesen Perspektivwechsel einlässt, der kann auch heute zum "Emmaus-Jünger" werden: Wenn wir zu verzweifeln drohen, weil unsere Hoffnungen enttäuscht werden, uns alles aus den Händen gleitet, unsere guten Absichten die wichtigsten Unterstützer verlieren und unsere Welt in vielfacher Hinsicht scheinbar der Zerstörung entgegengeht: dann lohnt dieser Perspektivwechsel, weil er neue Wege zeigt, die voller Hoffnung sind. Dabei kommt es nicht auf die schnellen Antworten an: die Aufgeregtheiten des politischen Alltags; das Tagesgeschäft mit seinen scheinbar so wichtigen Themen: Wer der Größte, der Mächtigste, der Einflussreichste ist. Es kommt nicht an auf das, was die selbsternannten Welterklärer sich zusammenreimen und die, die es immer schon gewusst haben wollen; die aber doch nur das nachplappern, was andere sagen, und damit leere Antworten haben. Es erweist sich dann schnell, wie vergänglich das alles ist: Das sind keine Antworten, die im Leben und Sterben tragen. Das sind Antworten, die an Äußerlichkeiten stehen bleiben, keine Antworten, die nachhaltig sind, indem sie dem Leben dienen und wirklich weiterhelfen.

Wer dagegen solche nachhaltigen Antworten für sich sucht, muss sich auf den Weg machen - wie die Emmaus-Jünger - zunächst ins Ungewisse. Das ist vielleicht die eigentliche Botschaft dieser Evangelienstelle: Es gibt keine schnellen Antworten, die weiterbringen. Wer Antworten sucht, muss sich auf den Weg machen. Das Unterwegs-Sein hat immer auch etwas von Ungewissheit und Ratlosigkeit. Von Suchen und Ringen um eine Antwort. Wer aber in diesem Sinn unterwegs ist, läuft nicht weg vor etwas, sondern geht auf ein Ziel zu, der hat die Hoffnung, etwas zu be-wegen.

Das ist nicht einfach ein frommes Geschwätz - das zeigen viele Beispiele aus dem Alltag: Wenn ein Kind auf die Welt kommt, kann keiner den Weg des Lebens vorher bis ins Kleinste planen. Er entsteht beim Gehen. In allen Fragen und Umwegen. Und doch braucht der Weg Orientierung und Hoffnung auf ein Ziel hin.

Das zeigt auch der politische Alltag: Schnelle Lösungen und pauschale Antworten, große Pläne "für die Ewigkeit" führen oft in die Sackgasse. Wer wirklichen "Erfolg" sucht, braucht auch in der Mediengesellschaft nicht nur die Mikrofone und Kameras, in die er die knackigen Statements geben kann, sondern vor allem den langen Atem, um oft mit noch mehr Fragen als Antworten nachhaltig Wirkung zu erzielen: In Themen der Bildungspolitik und der Investition in die Zukunft der Kinder; in Fragen der Atompolitik und der nachhaltigen Entwicklung der Energieversorgung; in Fragen der globalisierten Märkte und Wirtschaftsbeziehungen; in Fragen des Lebensschutzes und der Bewahrung der Schöpfung: Wer wirklich etwas bewirken will, kann nicht auf das Strohfeuer der schnellen Antwort setzen. Wer nachhaltig denkt, der muss unterwegs sein - und womöglich bleiben, weil es letzte Antworten auf dieser Erde nicht geben kann.

Das erfordert viel. Denn der muss aushalten können, dass die Antworten des Alltags nicht mehr tragen. Der muss sich auf die Suche machen. Der Weg zu nachhaltigen Antworten ist kein Triumphmarsch auf dem Boulevard. Aber wer sich auf die Suche macht, wird geleitet von einem brennenden Herz, von der Sehnsucht, dass es etwas gibt, das das Leben trägt und hält. Der ahnt schon etwas davon, was dem Weg Richtung und Ziel gibt, auch wenn er es nicht in Worte fassen kann. Was das sein könnte? - Dafür gibt es eben keine pauschale Antwort, auch wenn manche Kleingeister das gerne so hätten. Das muss jeder für seine Situation und sein Umfeld erspüren. Das sieht für jeden konkret vielleicht anders aus. Und doch wird für alle gleichermaßen das Ziel bestimmt: es ist der Weg zu Gott, der das "Leben in Fülle" (Joh 10,10) verheißt. Er ist die Konstante, er ist es persönlich, der - wie mit den Emmaus-Jüngern - mitgeht und der bleibt, wenn es Abend wird, dunkel um uns.

Vielleicht gibt es auch bei uns schon einen, der den Weg mitgeht. Der verständnisvoll und geduldig immer wieder auf das verweist, was hinter der Fassade steht. Der so zum Boten Gottes für die kommende Welt wird; der die Sorgen und Nöte des Alltags nicht einfach wegwischt, sondern mit aushält, als Weggenosse, auch wenn er scheinbar in die Dunkelheit des Abends führt. Aber genau dort ereignet sich die wirkliche Veränderung. Am Abend, in der Dunkelheit der Nacht, in der scheinbaren Ausweglosigkeit und Verzweiflung, wenn es nicht mehr weitergeht und es eine Unterbrechnung braucht, eine Pause, ein Innehalten. Dann geschieht die eigentliche Wandlung, die Wende. Dann kann das wirken, worauf es ankommt. Dann kann Gott zu uns sprechen, dann ist Gott uns ganz nah.

Dann können wir die Sorgen des Alltags zurücklassen und still werden. Wir sind dann nicht mehr selbst diejenigen, die alles selbst erklären und machen müssen. Wir können uns dann zurücknehmen. Denn wir dürfen vertrauen, dass auch Gott - oft in menschlicher Gestalt - mit uns geht und uns zum Ziel führt, das wir selbst oft gar nicht mehr sehen. Das ist der christliche Glaube. Aber das braucht Mut: "Seid standhaft und unerschütterlich", fordert Paulus im Ersten Korintherbrief. Doch das ist gar nicht so einfach in unserem Alltag. Auch deshalb motiviert Paulus: "denkt daran, dass im Herrn eure Mühe nicht vergeblich ist." (1 Kor 15, 58b). Das ist die Zuversicht aus dem Glauben, die den langen Atem gibt.

Und erst am Ende mag die Erkenntnis kommen - wie bei den Emmaus-Jüngern. Durch seine geduldige Weggemeinschaft und seine Worte - durch sein Bei-ihnen-Bleiben, das Mit-Aushalten der Sorgen, das Auslegen der Schrift und dann das gemeinsame Mahl wirkt der Herr über den Moment hinaus. Da "gehen ihnen die Augen auf" und sie erkennen.

Dann merken sie, dass ihnen schon auf dem Weg "das Herz brannte" und sie diese Sehnsucht nach dem Bleibenden spürten. Sie haben schon geahnt, was zählt und wichtig ist. Aber die Sorgen des Alltags haben es verdeckt. Es brauchte einen, der mit ihnen ging und der ihnen - am Ende durch ein einfaches Zeichen: das Brotbrechen - den Sinn erschließt für das Bleibende.

Das ist auch für uns heute ein Hinweis: Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, können wir das entdecken, wofür unser Herz brennt. Da können uns die Augen aufgehen und wir erkennen, was schon in uns als Sehnsucht brannte. Wir brauchen die Gemeinschaft der anderen, um weiterzukommen, die manchmal stille Solidarität von ihnen, um die - oft wortreich versteckte - Ratlosigkeit zu besiegen.

Und es ist noch mehr: In der Geschichte steckt auch die Zusage, dass Gott auch unseren Weg mitgeht. Er lässt uns nicht allein, selbst wenn wir uns oft im Alltag alleine fühlen. Er schenkt uns den langen Atem in der Zuversicht des Glaubens und ermöglicht uns den Perspektivwechsel, mit dem wir hören und sehen können, was der Mainstream nicht (mehr) sieht und weiß. Er nimmt den Schleier von unseren Augen, der uns nur uns selbst sehen lässt und das, was uns in unserem Umfeld als groß und wichtig erscheint: Unsere eigenen Sorgen, unsere Not, Tod und Leid. Er öffnet uns die Augen für das, was die Welt zusammenhält und erhält; was wir schon anfanghaft wissen und doch oft übersehen.

Gott zeigt uns den neuen Weg. Er gibt uns das brennende Herz, die Sehnsucht nach dem Eigentlichen, nach dem "gelingenden Leben", wie vielleicht einer der Namen Gottes lauten könnte. In dieser Zuversicht können wir uns auch heute auf ihn einlassen, miteinander unterwegs sein: als Weggefährten im Glauben auf dem Weg ins Leben (vgl. die Pfingstpredigt des Petrus - Apg 2, 28).
Dr. Michael Kinnen, Bingen
Wer Bildung sät, kann Nachhaltigkeit ernten …
Überall. Dr. Kinnen
(© Claudia Ehry)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                     Ostermontag | 9.04.12

evang. Reihe IV:
1 Kor 15, 50-58
kath. 1. Lesung:
Apg 2, 14.22-33
kath. 2. Lesung:
1 Kor 15, 1-8.11
kath. Evangelium:
Lk 24, 13-35 oder
Mt 28, 8-15