Die Autorin betrachtet die beiden Predigttexte der evang. Reihe IV zur Osternacht und zum Ostersonntag, 1 Thess 4 und 1 Sam 2. Stichworte zur Nachhaltigkeit:
Osternacht 2012: 1. Thess. 4, 13 - 14

Exegetische Überlegungen1:
Im Gegensatz zu anderen Paulusbriefen erschließt sich der 1. Thess. nicht durch großen theologischen Entwurf, sondern als "kommunikative Handlung". Der exegetische Ansatz wird dabei das Beziehungsgeschehen zwischen dem Autor und seinen Leserinnen und Lesern beachten. Dorothee Sölle und Carter Heyward entwickelten daraus ihre systematisch-theologischen Überlegungen (unter Rückgriff auf Martin Buber), die nicht Gottes Wesen an sich, sondern Gott als Macht in Beziehung und als Quelle dieser Macht beschreiben. In dieser Linie versteht Jutta Bickmann den 1. Thess "als antiken Trostbrief, der mit dem Wirklichkeitsverständis der frühjüdischen Apokalyptik arbeitet." Sie gibt ihren Ausführungen zum 1. Thess den Titel "Gemeinschaft bilden im Widerstand gegen den Tod" und schreibt dazu: "Auf der Handlungsebene wird den LeserInnen des Briefes eine Möglichkeit eröffnet, die sie mit ihren Leiderfahrungen umgehen können: Das Aufrechterhalten der Kommunikationsgemeinschaft, die fortlaufende Verständigung über die Deutung der Wirklichkeit im Horizont des geoffenbarten Wissens, ermöglicht den Widerstand gegen den Tod". 2

Kap. 4,13-5,11 "Das Bild von der Aufhebung aller Trennung"3:

Paulus tröstet die Gemeinde in Leiden, Mühsal und Tod. Diese allgemeinen Hinweise beinhalten einerseits das Leiden wegen der Trennung der Gemeinde von ihrem Gründer Paulus und andererseits der Trennung von verstorbenen Gemeindegliedern (V. 13), um die die Gemeinde (V. 15) trauert.

Fragen und Gedanken zum Text:
Welche Leiden, Mühsal und Tod bewegen die Gemeindeglieder in dieser Osternacht? Wenn die Verse 13 und 14 Trostworte sind, die helfen können, die schlimmste Grenzerfahrung des Lebens zu verarbeiten, wenn sie uns hoffen lassen, dass Gottes Möglichkeiten Leben zu schaffen, auch da nicht aufhört, wie kommunizieren wir als Christinnen und Christen dieses Evangelium untereinander? In unseren Mühsalen und Leiden an dem was uns und diese Erde kaputt macht - wie stehen wir da zusammen? Wie bleiben wir Christinnen und Christen im Gespräch darüber, was uns von denen unterscheidet, die keine Hoffnung haben? Wie bleiben wir im Gespräch mit denen, die keine Hoffnung haben, darüber was uns hoffen lässt? Welche "Handlungsebene" eröffnet die Predigt den Hörenden darüber, wie sie mit ihren Leiderfahrungen umgehen können? Dazu ein Zitat aus der Rede von Katrin Göring-Eckardt, Präsidentin des 33. DEKT in Dresden 2011, beim Schlussgottesdienst: "Gesucht wird eine andere Definition von Wachstum; gesucht wird eine andere Definition von Erfolg und lasst uns Umkehren auf den Weg des Lebens mit allem, was Gott geschaffen hat." 4

Gebet und Segen:
Wer wartet, wirklich wartet, ist bereit zu hoffen.
Die aber in Hoffnung leben
wagen Auseinandersetzungen.
Die in Hoffnung leben,
bekräftigen das Neue
und bekräftigen erneut das Alte.
Die in Hoffnung leben,
wagen die Zusammenarbeit auch mit Menschen,
die anders sind als wir.
Die in Hoffnung leben,
wagen neue Formen der Gemeinschaft
von Frauen und Männern.
Die in Hoffnung leben,
riskieren Spott.
Die in Hoffnung leben,
riskieren Opfer um der Hoffnung willen.
Gott komme zu uns mit deiner Hoffnung,
damit wir mit Freude leben können.
Gott segne uns,
damit wir Frieden finden,
auf den wir alle warten.
(aus Indien) 5

Der Segen des Auferstandenen 6
Fürchtet euch nicht!
Euer Weg ist geebnet,
inmitten des Sterbens sollt ihr ihn gehen.

Fürchtet euch nicht!
Das Tor ist weit offen,
erhobenen Hauptes sollt ihr es durchschreiten.

Fürchtet euch nicht!
Jesus, der den Tod überwunden hat,
siegt strahlend gegen das Dunkel des Nichts.

Ostermorgen 2012: Lied der Hanna 1. Sam. 2,1-2, 6-8a

Exegese:
In der Hebräischen Bibel sind drei Lob- und Danklieder von Frauen überliefert: Von Mirjam (Exod. 15, 20f.), von Hanna und von Debora (Ri 5,1ff. 7). Neben der Vätergeschichte ist hier noch etwas von der Müttertradition des alten Israel erhalten. Jede dieser Frauen steht für einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des alten Israel. Hanna's Lied wird zur Vorlage für das Magnifikat Marias im Zweiten Testament (Lk 1,46ff).

Das Einzelschicksal einer Frau weist auf die gesellschaftlichen Verhältnisse hin. Ihr Leiden an der sozialen Ausgrenzung erträgt sie nicht einfach, sondern entwickelt eine enorme Aktivität, aus ihrem Glauben an die lebenschaffende Macht Gottes. Die Rettung aus dem Unheil schreibt sie aber nicht ihrer eigenen Hartnäckigkeit zu, sondern allein dem Eingreifen Gottes.

"Mutterschaft wird nicht individualisiert als gelungene Selbstverwirklichung verstanden, sondern in ihren sozialen Dimensionen begriffen. Die unerwartete Schwangerschaft ist mit sozialen und politischen Befreiungserfahrungen in eine Reihe gestellt.8"

V 1: Die gedemütigte, leidende Hanna steht aufrecht, lacht und tanzt vielleicht. Die Ausgegrenzte beginnt ein neues Leben in der Gemeinschaft. V. 7.8a: Gottes Eingreifen wird in dualistischen Gegensätzen beschrieben. Die Weltordnung wird auf den Kopf gestellt.

Aktualisierung - ein Beispiel:
Eine die heute dafür arbeitet, dass sich die Weltordnung mit Gottes Hilfe umkehrt, ist die Theologin Dr. Ina Praetorius. Sie arbeitet daran, die heutigen Verhältnisse im Haushalt der Welt zu verändern indem sie eine "Ökonomie der Geburtlichkeit"9 entwirft. Sie zeigt auf, wie all die Bereiche des menschlichen Zusammenlebens übersprungen werden, die im Haushalt der Welt, grundlegend wichtig sind wie z.B. Nachbarschaftshilfe, bäuerliche Subsistenzwirtschaft und die ganze Care-Arbeit. Schon seit Aristoteles geht es nur noch um einen Teilbereich der Ökonomie, das Geld. Das Geld ist jetzt das Höhere und mit ihm der Markt-mechanismus von Angebot und Nachfrage. Alles andere, was menschliches Leben ausmacht wie z.B. Hunger, Durst, Dreck wegputzen, Müll entsorgen, Kinder aufziehen, Alte pflegen, Zuwendung, Liebe, wird als niedrig, weil unwichtig für den Markt, eingestuft. Diese Zweiteilung der Welt bewirkt, dass Menschen, die sich nur mit Geld beschäftigen immer reicher werden, während andere, die sich um die echten Bedürfnisse des Lebens kümmern immer öfter an der Schwelle der Armut leben und ausgegrenzt werden. Diese Zweiteilung aufzuheben ist ihr Anliegen. Sie fordert dazu auf, immer wieder von Grund auf nachzudenken darüber: Was ist der Mensch? Welches sind unsere Grundbedürfnisse? Was behindert Leben - nicht nur das menschliche?

Ina Praetorius sagt, solche Fragen und Antworten führen zu einer Ökonomie der Geburtlichkeit und lassen uns "gut handeln im Haushalt Welt".

Verbindung zwischen 1. Thess und 1. Samuel:
An Auferstehungserfahrungen im Alltag (wie Hanna) können wir uns auch heute gegenseitig teilhaben lassen und die lebenschaffende Macht Gottes loben. Unser Glaube wird diese auf die Heilsbotschaft des auferstandenen Christus beziehen, die über das physische Lebensende hinausreicht.

Lied: MANCHMAL - Auferstehungslied 10
Manchmal hör ich den Herzschlag im Schritt
Manchmal spür ich den Atem im Wind,
manchmal entdecke ich Licht in einem Bild
manchmal erkenne ich was ich bin.

Refrain: /: Da lobe ich Gott und segne die Welt,
die mich neu in ihre Mitte stellt./:

Manchmal kann ich durch Mauern blicken,
manchmal leg ich die Fesseln ab,
manchmal steht mir der Himmel offen,
manchmal erkenne ich was ich bin.

Refrain

Manchmal kann ich die Angst überwinden,
manchmal spielt mir die Hoffnung ein Lied,
manchmal weiß ich, dass Gott mich liebt,
manchmal erkenne ich was sich bin.
Text: Heidi Rosenstock, Musik: Dorotehea Schönhals-Schlaudt, Bernd Schlaudt
Susanne Käser


1) Schottroff, Wacker, Kompendium Feministische Bibelauslegung, 2. Auflage, S. 646ff., Gütersloh
2) ebd. S. 646
3) ebd. S. 652
4) Eigene handschriftliche Notiz
5) Gebete aus der Ökumene 3, Lege Dein Herz in Deine Gebete, S. 103, EMW 1998
6) Segen - Herberge in unwirtlicher Zeit, S. 17,Texte und Schreibwerkstatt von Hanna Strack, Scherenschnitte von Adelheid Strack-Richter, Hanna Strack Verlag Pinnow/Schwerin, 1998
7) Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt Debora's Lied in Ich-Form.
8) Kompendium Feministische Bibelauslegung, Chr. Kaiser, 1999, S. 116
9) Dr. Ina Praetorius, Die Ökonomie der Geburtlichkeit oder: Gut handeln im Haushalt Welt, Vortrag am 24.8.2010 in der Evang. Akademie Loccum. Deutsch in: Report of the 8th General Assembly, Oekumenisches Forum christlicher Frauen in Europa, S. 12ff.
10) Beratungsstelle für Gestaltung von Gottesdiensten, Frankfurt; Du, EVA, Komm sing dein Lied, zusammengestellt und geschrieben von Dorothea Schönhals-Schlaudt, 1993, S. 20
Gemeinschaft gegen den Tod - eine andere Definition von Wachtum, von Erfolg …!
Käser
(übersandt und ausgewählt von Susanne Käser)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B      Osternacht / Ostersonntag | 8.04.12

Osternacht: 1 Thess 4, 13-14 (ev. Reihe IV); Gen 1, 1 - 2, 2 / Gen 22, 1-18 / Ex 14, 15 - 15, 1 / Jes 54, 5-14 / Jes 55, 1-11 / Bar 3, 9-15.32 - 4, 4 / Ez 36, 16-17a.18-28 / Röm 6, 3-11 / Mk 16, 1-7 (kath. Lesejahr B) am Tag: 1 Sam 2, 1-2.6-8a (ev. Reihe IV); Apg 10, 34a.37-43 / Kol 3, 1-4 oder 1 Kor 5, 6b-8 / Joh 20, 1-18 (kath. Lesejahr B)