Der Autor geht auf Hebräerbrief und die Jesaja-Perikope zur 1. kath. Lesung ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: auf den Boden kommen, sich denen öffnen, die am Boden sind, den Schrei der weltweit ungerecht Leidenden als Schrei Jesu auffassen und die Verantwortung übernehmen (Hebr 5/9); Überfischung, Übersäuerung, Erderwärmung, Jesaja: Ankläger unserer Leichtfertigkeiten (Jes 52)
Karfreitag: auf-rüttelnde und nach-wirkende Liturgie für Kopf, Herz und Hand

Einstimmen und Nachklingen
Der 14. Nisan gilt in der Tradition der Kirche als Todestag Jesu Christi. Auch die Neuordnung der Karfreitagsliturgie durch Pius XII. sowie das nachkonziliare Messbuch blieben, auch wenn exegetische Gründe dagegen sprechen, bei der angesetzten Todesstunde auf 15.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Mit der Neuordnung von 1955 tragen Priester und Diakon in der katholischen Liturgie dieses Tages nicht mehr eine schwarze, sondern eine rote Kasel und DalmatikI). Damit steht nicht (nur) die Trauer im Vordergrund, sondern Christus als Urbild des Martyriums: eines nicht überbietbaren "Bekenntnisses" bis in den Tod hinein, um uns Menschen erfahrbar zu machen, wie Gott ist. Kaum eine andere Liturgie spricht die Sinne daher so intensiv an wie die Karfreitagsliturgie. Denn was an diesem Tag - in Christi Kreuzestod - für die Welt geschehen ist, lässt sich nicht rein verbal ausdrücken. Die Farben, Zeichen und Gesten dieses Tages versuchen, die Dimensionen des Leidens und Sterbens Christi ganzheitlich erfassbar werden zu lassen. So scheint eine Predigt mit Verweis auf diese Elemente sinnvoll. Neben der ‚Kreuzverehrung' ist hier ganz besonders die ‚Prostratio' zu Beginn des Wortgottesdienstes, unmittelbar vor der Lesung aus Jes 52 und Ps 31 als Antwortpsalm, von Bedeutung. Außer in dieser Liturgie finden sich die Niederwerfung mit dem ganzen Körper und das Verweilen am Boden nur in der Weiheliturgie, in der die Anwärter auf das Amt der Kirche ihre Demut und Abhängigkeit gegenüber bzw. von Gott ausdrücken. Tiefer kann sich der Mensch, mit Leib und Seele, kaum auf die Erfahrung des Göttlichen einlassen. Ein erster, grundsätzlicher Gedanke zielt daher auf die Ganzheitlichkeit der Karfreitagsliturgie ab: Wie wir es von Liedern her kennen, die als "Ohrwürmer" über Tage hinweg in unserem Inneren nachklingen können, vermag auch eine so vollzogene und gelebte Liturgie den Inhalt, die tiefe und existenzielle Botschaft dieses Tages nachwirken zu lassen. Wer nachempfindet, wie es sich anfühlt, auf dem (kalten) Boden zu liegen, dabei seinen Körper ausbreitet und die Augen schließt, sich dadurch angreifbar macht und ausliefert, zeigt sich abhängig und zugleich geerdet. Schon allein dieser verinnerlichte Gestus macht sensibel für immer mögliche Überlegenheits- und Allmachtstendenzen der Menschen. Und er öffnet für jene, die alltäglich "am Boden" sind.

Hebräerbrief: Mahnrede wider religiöse Schwerhörigkeit
Der zweite Hauptteil des Hebräerbriefes, der in Kapitel 4 beginnt, ist geprägt von Mahnungen. Dieser Charakter verweist auf die "Schwerhörigkeit" (vgl. Hebr 5,11; 6,11.12) der Gemeinde, die hier von einem unbekannten Verfasser im Sinne des Apostels Paulus angesprochen wird. Sie droht vom Glauben abzufallen und den Glauben an den Sohn Gottes zu verleugnen. So wird hier mit diesem Brief eine "Mahnrede" verfasst (Hebr 13,22), die sich nicht scheut, wieder ganz bei den Grundlagen des Glaubens zu beginnen. Ein erster Gedanke: Es mag tröstlich wirken, dass Prediger am Ende des 1. Jahrhunderts bereits solche Herausforderungen zu meistern hatten. Ein zweiter Hinweis: Wie keine zweite Schrift des Neuen Testaments rekurriert der Hebräerbrief auf das Erste Testament und verweist auf den ersten Bund. Das ‚4. Gottesknechtslied' (Jes 52) als liturgisch zugehörige, vorgelagerte alttestamentliche Lesung wird so einsichtig und Bezüge hierzu lassen sich leicht herstellen, zumal als einzige der deuteropaulinischen Schriften der Hebräerbrief das Verb "sühnen" im kultischen Sinne verwendet, um auf das einzigartige Sühneopfer des "Hohenpriesters Jesus Christus" hinzuweisen. Dabei ist das Interesse des Briefes soterilogischer Natur: Das Heil erreicht der Mensch nicht durch das Gesetz, sondern nur durch die Annahme des Kreuzestodes Jesu. Eine dritte Beobachtung daraus: Der ‚Hohepriester' Jesus wird ganz und gar mit menschlichen Zügen gezeichnet: als Mensch, der die Schwächen kennt, dem die Angst, das Weinen, das Schreien nicht fremd sind (vgl. Hebr 5, 7-9). Stärker kann die Solidarisierung Gottes mit dem Menschen sprachlich nicht ausgedrückt werden. So ist dieser Blick auf das Kreuz zugleich Appell, die Klagen der vielen, weltweit unter ungerechten Zuständen Leidenden, deren Schreie anhalten, mit dem Schrei Jesu in eins zu setzen. In diesen Schreien schreit ER selbst - ein Gedanke, der sich in der altestamentlichen Lesung wiederfindet.

Die Verbindung aus Solidarisierung und Verantwortung lässt sich - als Praxistipp - passend am Lied ‚Eine Handvoll Erde' in einem Impuls zum Tag oder der Predigt ausdeuten. Dieses Lied, nach dem Text von R. Bäcker und der Melodie von D. Jöcker, kann - z. B. stimmig zur Atmosphäre des Tages als Geigensolo - gespielt und mit einzelnen Textstellen als Hintergrund bedächtig zur Melodie mitgesprochen werden: "Mit der Erde kannst du spielen … mit der Erde kannst du bauen dir ein schönes Haus", heißt es dort. Und weiter: "Doch du solltest nie vergessen: Einmal ziehst du wieder aus!" Oder: "Auf der Erde kannst zu stehen … stehen, weil der Grund dich hält." Und in der letzten Strophe: "Auf der Erde darfst zu leben, leben ganz und jetzt und hier, und du kannst das Leben lieben, denn der Schöpfer schenkst es dir", allerdings mit der Mahnung: "Unsre Erde zu bewahren, zu bewahren das, was lebt, hat Gott dir und mir geboten, weil er seine Erde liebt!"

Jesaja: Statt Gericht neues Heil, durch Mitverantwortung als "Knechte Gottes"
Dass Jesus Christus "unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen" hat, wie es das prophetische Wort des (Deutero-)Jesaja (Jes 53, 4ff.) erfasst, dass er "durchbohrt wegen unserer Verbrechen, zermalmt wegen unserer Sünden" den Kreuzestod findet, entlastet uns als Menschen nicht von diesem, im Lied zitierten Auftrag für die Schöpfung. Vielmehr kann das Fazit des Jesaja, dass "zu unserem Heil … die Strafe auf ihm" lag, dass wir "durch seine Wunden … geheilt" sind, folgendermaßen interpretiert werden: Menschliche Schuld - ein erster Gedanke -, die es immer gibt und geben wird, kann nicht dadurch "verniedlicht" werden, dass man sie rückwirkend auf Jesu Schultern "lädt". Vielmehr verweist die Sühnetat Jesu - alttestamentlich betrachtet meint Sühne das stellvertretende Heilshandeln Gottes, das den schuldig Gewordenen der gerechten Strafe, religiös gesprochen dem Tod, entreißt - (erst) auf die Ermöglichung eines Neuanfangs. Die Sühnevorstellung, die anfangs im rechtlich-sozialen Bereich beheimatet war, erlangte später im kultischen Kontext Bedeutung, religiös datiert v. a. auf den Sühnetag des JudentumsII). So gesehen kann der Karfreitag sinngemäß als der ‚Sühnetag der Christen' interpretiert werden.

Nur wenn wir uns dabei vor Augen halten, wie unbarmherzig und unmenschlich wir gegenüber der Schöpfung und den Geschöpfen sein können, nur wenn wir die Möglichkeit menschlicher Schuld nicht aus dem Auge verlieren, nehmen wir dieses Leiden und Sterben Jesu Christi für uns auch wirklich an. Karfreitag - ein zweiter Gedanke - bedeutet dann eine mögliche, eine wirkliche Neuausrichtung: Obwohl Jesus vermutlich nicht davon ausgehen konnte, dass die Menschheit mit seinem Tod mehr nach dem Guten strebt, gibt er sich ganz. Die Liebe des Schöpfers zur Schöpfung, die sich im Leben des Jesus von Nazareth ausspricht, ist buchstäblich grenzenlos. Als Höhepunkt seines irdischen Lebens lässt sich Jesus - und in ihm die Schuld der Welt - kreuzigen.III) Mit ihm stirbt die Neigung zum Bösen, zum Nichtreflektierten, zum unbewusst sich Bewusstmachenden - mit Paulus gesprochen das: "Nicht das was ich will, das tue ich, sondern das was ich nicht will (‚hasse'), das führe ich aus" (Röm 7,19). Die Annahme des Kreuzestodes Jesu kommt damit - ein dritter Gedanke - dem gleich, was wir in der Taufliturgie mit ‚Entsagung des Bösen' bezeichnen - und wodurch wir uns in die Verantwortung für die Schöpfung hinein nehmen lassen. Eine Erinnerung an diese ‚Taufverantwortung' wäre daher ebenfalls möglich.

Hierbei kann an die Freiheit des Christen appelliert werden, die sich aus der Schöpfung als ‚freigelassener' ergibt. Dazu bietet G. Baudler mit ‚Der freigelassene Kosmos' wertvolle Impulse, auch als Anregung für eine Predigt unter dieser Perspektive. Das Buch - nach der Katastrophe in Japan aktueller denn je - ist ein Appell, sich der Verantwortung für die eigene Freiheit konsequent und an Aspekten der Nachhaltigkeit orientiert zu stellen. Eine auf ihm gründende Auslegung würde exegetisch mit der mehrdimensionalen Verwendung des Titels "Knecht Jahres/Gottes" korrelieren: Während es die Leseordnung als auch der Verfasser des Hebräerbriefes nahelegen, diese Bezeichnung direkt auf den am Kreuz Sterbenden hin anzuwenden, wird der Titel - neben der Verwendung für besondere Glaubensvorbilder, wie v. a. für Abraham oder Mose - in der Schrift auch für den einzelnen (!) Christen (z. B. 2 Tim 2) oder für die ganze christliche Gemeinde (z. B. Offb 1) gebraucht. Wenn wir uns nun als "Knechte Gottes" verstehen, sind wir hineingestellt in die Verantwortung für diese ‚freigelassene' Schöpfung, eine Schöpfung, die sich, wie G. Baudler formuliert, durch "Selbstorganisation der Materie" entfaltet hat - und eine Schöpfung, die durch - in Relation zum Erdalter - nur einen Wimpernaufschlag Menschendasein so viel ihres Reichtums bereits eingebüßt hat: Die Studie des UN-Umweltprogramms (UNEP) vom Frühjahr 2011 macht einmal mehr deutlich: Nur durch einen veränderten Blick auf Ressourcen und Energien können wir Symptome unserer Haltung, wie Überfischung, Übersäuerung, Erderwärmung, und dadurch z. B. zunehmende ‚Todeszonen' in den Weltmeeren reduzieren, wenn nicht stoppen. Frappierend, wie sich dabei Systeme gegen uns kehren können: Wie zu Beginn der Evolution scheint sich die Natur selbst zu regulieren, nun aber negativ als De-Regulation. Die ‚Todeszonen' sprechen eine deutliche, nicht nur symbolische Sprache: Statt Sauerstoff, Mikropartikel; statt Leben, Reste unseres Wohlstandes.IV) Zielsatz: Wer trägt heute unsere ‚Schuld', wer wird für den Wohlstand des Westens "niedergedrückt", wer "tut den Mund nicht auf", kann nicht reden bzw. findet kein Gehör, hat keine Lobby, wer ist "abgeschnitten vom Land der Lebenden", dessen Kreuzesschreie bis heute anhalten … "obwohl er kein Unrecht getan hat"? - Jesaja: Ankläger unserer Leichtfertigkeiten, Anwalt derer auf der Schattenseite des Wohlstandes, Spiegel aber auch unserer Gottebenbildlichkeit und damit Verantwortung für den einen Kosmos, die eine Welt!
Dr. Thomas Hanstein, Rottenburg

Quellen:
Adam, A.: Das Kirchenjahr. Schlüssel zum Glauben, Freiburg-Basel-Wien 1990, bes. 87-90
Baudler, G.: Der freigelassene Kosmos. Naturwissenschaft und Schöpfung, Ostfildern 2011
Bäcker, J./Jöcker, D.: Eine Handvoll Erde (Instrumental: youtube; Noten: tritonus)
Schnelle, U.: Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 42002, bes. 411-427
Janowski, B.: Sühne als Heilsgeschehen. Traditions- und religionsgeschichtliche Studien zur Sühnetheologie der Priesterschrift, Neukirchen-Vluyn 22000, bes. 347-361

I) Die Messgewänder katholischer Geistlicher: die ‚Kasel' des Priesters, die ‚Dalmatik' des Diakons.
II) Jom Kippur (10. Tischri)
III) Wobei dies nicht bedeuten soll, dass Jesus mit dem Ziel durchs Leben gegangen ist, am Kreuz zu "enden". Vielmehr ist dieses tiefster Ausdruck und Konsequenz der Unstimmigkeit seiner Botschaft zu den Logiken dieser Welt. [Anm. Verf.]
IV) Wissenschaftler schätzen allein den Plastikmüll, der zersetzt in den Weltmeeren herum "geistert", auf mehr als 100 Millionen (!) Tonnen. [vgl. UNEP-Studie, 06/2011]
Überlegen und allmächtig - oder abhängig, angreifbar und geerdet …?
Dr. Hanstein
(© Miguel Angel Chong)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                                 Karfreitag | 6.04.12

evang. Reihe IV:
Hebr 9, 15. 26b-28
kath. 1. Lesung:
Jes 52, 13 - 53, 12
kath. 2. Lesung:
Hebr 4, 14-16; 5, 7-9