Wir sehen in allen vier Texten Ansatzpunkte für nachhaltiges Predigen. Nach Andrea Bieler und Luise Schottroff (Das Abendmahl. Essen, um zu leben, Gütersloh 2007) zielt 1 Kor 10, 16-17 auf die tatsächlichen Körper, das tatsächliche zu teilende Brot - und damit auf den Auftrag zur Verteilgerechtigkeit der feiernden weltweiten Abendmahlsgemeinschaft. Jes 61 weist auf den untrennbaren Zusammenhang von Salbung, prophetischer Sendung und Heilung der verletzten GottesGemeinde. Im Evangelium aus Lk 4, in dem diese Verse aus Jesaja aufgenommen werden, übernimmt Christus als der Gesalbte den prophetischen Auftrag. Offb 1 sehen wir zum einen eine Anknüpfung an Gott als den Herrscher der Schöpfung, an der Menschen Nutzungsrecht und Bewahrungspflicht haben. Zum anderen erscheint in der Darstellung des wiederkommenden Christus der Auftrag der zum Frieden und zur Versöhnung berufenen Gemeinde aus allen Völkern
EKD Reihe IV

1 Kor 10,16-17
Andrea Bieler und Luise Schottroff betonen: Es geht um wirkliche Körper und wirkliches Brot. Sich um Christus zu versammeln, bedeutet, teilhaben zu können am Brot, das Leben schafft. Die Menschen in Korinth versammeln sich, um konkret miteinander Brot und Leben zu teilen. Wie problematisch das sein kann, und dass dieses Problem direkt mit der Christusbotschaft zu tun hat, davon erzählt uns Kap.11 des Briefes. Jemandem das Brot zu verweigern, vorzuenthalten, bedeutet nicht weniger als ihn auszuschließen von der Gemeinschaft mit Christus und den Gläubigen. Damit ist diese Frage kein nachgelagerter ethischer Akt, sondern Lebensvollzug, direkte Umsetzung des Evangeliums. Indem sie das Brot miteinander teilen, werden die Menschen selbst zur Gegenwart Christi.

Nachhaltigkeit eröffnet sich da, wo wir die Botschaft der korinthischen Gemeinde in die globale Jetzt-Erfahrung hinein nehmen: Der geteilte gesegnete Kelch und das gemeinsam verzehrte gebrochene Brot entscheiden auch heute über die Teilhabe am Leib Christi. Damit tritt der Bezugspunkt der Verteilgerechtigkeit ins Zentrum. Die Verheißung von 1. Kor. 10, dass alle an der Mahlgemeinschaft teilhaben sollen, wird zum Maßstab für globales Miteinander einer ökumenischen Weltgemeinde. Die Güter dürfen nicht nur am eigenen Tisch geteilt werden, sondern stehen auf einem Welt-Tisch. Wenn wir essen und trinken, uns stärken und Gemeinschaft leben, sind die Körper derer mit im Raum, die durch privatisierte Wasserrechte und hohe Getreidepreise auf dem Weltmarkt zu verhungern und zu verdursten drohen.

Katholisches Lesejahr B

1. Lesung: Jes 61,1-3a.6a.8b-9
Beachtlich scheint uns, dass die Geistesgabe direkt verbunden ist mit dem Auftrag der Befreiung, des Trostes und der Gemeinschaft mit denen, die Willkür und Folter erdulden müssen. Salbung, Sendung und Beauftragung sind eins. Das Handeln der Gesalbten zielt auf den Einschluss all jener, die zerbrochenen Herzens sind, damit sie geheilt, gesalbt und gesegnet volle Gemeinschaft erfahren können. Der Auftrag reicht damit an die Ursachen: Was schädigt, verwundet, entwurzelt die Menschen, auf die sich der Auftrag der Heilung richtet?

Der Gott, der sich in diesen Versen der Geistsalbung zeigt, ist parteilich. Seine Parteinahme erfolgt für diejenigen, die sich der Gerechtigkeit verschrieben haben. Der Hintergrund der Verse impliziert den Gewaltverzicht zugunsten des Versprechens Gottes, selbst Recht walten zu lassen. Der geschichtliche Hintergrund liegt in der nachexilischen Zeit, in der die Hörer und Hörerinnen des Propheten sich nach einer Zeit sehnen, in der das Land nicht einer herrschenden Oberschicht noch einer fremden Großmacht gehört. Die Güter des Landes, die alle ernähren könnten, werden zu Gunsten einer kleinen Gruppe von Menschen geerntet, verarbeitet und verkauft. Der Mechanismus ist auf das damalige Land Israel bezogen ähnlich wie die Weltwirtschafts-bedingungen unserer Märkte heute, die ein fatales Gefälle zwischen nördlicher und südlicher Halbkugel aufweisen.

2. Lesung: Offb. 1, 5-8
Während in Jes 61,2 auf das sog. Jobeljahr aus Lev 25,10ff Bezug genommen wird, nach dem entstandene Besitzverhältnisse aufgelöst werden sollen, um Menschen aus wirtschaftlichen Verstrickungen und Abhängigkeiten zu lösen, wird in Offb 1,8 Gott als Herrscher über die ganze Schöpfung gepriesen. Nur ihm gebührt alleiniges Herrschaftsrecht, während die Menschen lediglich ein Nutzungsrecht haben - verbunden mit dem Auftrag, die geliehene Schöpfung zu bewahren.

Der verherrlichte Christus erscheint im Lobpreis als der, der in seinem Sterben Menschen aus ihren Bindungen befreit und ihnen Teilhabe schenkt, aus dem Tod errettet zu werden. Königs- und Priesterwürde gibt er an die weiter, die er liebt. In der Wiederkunft Christi wird Schuldeinsicht möglich - auch bei denen, die zu seiner Verurteilung und seinem Sterben beigetragen haben. Immer noch ist er darin der, der den Auftrag zum Frieden und zur Versöhnung in seiner Person, seinem Kreuz und seiner Auferweckung verkörpert.

Wenn alle diesen Gesalbten und Erhöhten unverstellt sehen, geht sein Auftrag zur Versöhnung und Heilung an sie über und verbindet sie über die Grenzen von Völkern und Ländern und ihren je eigenen Schuldverstrickungen und Lebensaufgaben.

3. Evangelium: Lk 4,16-21
Wir sehen im Evangeliumstext den direkten Anschluss an die Ausführungen zu den Versen aus Jes 61, die Jesus in der Synagoge als Lesung vorträgt. Die Christusbotschaft liegt in der Annahme des prophetischen Auftrags zu heilen, zu integrieren und Recht zu schaffen inmitten Menschen erniedrigender Verhältnisse.

Besonders prägnant erscheint uns gerade diese Lesung am Gründonnerstag. Der Auftrag des Gesalbten schließt das Risiko ein, gegen die Interessen der Herrschenden, der Lobbyisten der Zeiten und der Abwiegelnden zu handeln - und die Konsequenzen zu tragen.

Frieden entsteht nur da, wo die Verhältnisse enthüllt werden, wo Wunden gesehen, verbunden und ihrer Ursache entgegen gearbeitet wird.

Die messianische Praxis findet in der Feier des Gründonnerstags ihren Ausdruck, indem die am Mahl Teilnehmenden in die Tradition der Salbung, Segnung und Beauftragung hineingestellt werden, sie sich selbst erfahren als AdressatInnen und Nachfolgende der prophetischen Verheißung.
Katja Jochum und Prof. Dr. Carsten Jochum-Bortfeld, Soest
Verteilungsgerechtigkeit auch beim tatsächlich zu teilenden Brot …
Jochum
(© Wikimedia Commons/Andreas Praefcke)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                        Gründonnerstag | 5.04.12

evang. Reihe IV:
1 Kor 10, 16-17
kath. 1. Lesung:
Jes 61, 1-3a.6a.8b-9
kath. 2. Lesung:
Offb 1, 5-8
kath. Evangelium:
Lk 4, 16-21