Die Autorin geht auf den Jes 50-Text ein, der als ev. Predigtperikope und als kath. Lesung vorgeschlagen ist. Stichwort zur Nachhaltigkeit: Kirchliches Umweltaudit als konkreter Ansatz in engem Sinnzusammenhang mit dem Gottesknechtslied
Stellung im Kirchenjahr

Palmsonntag - Auftakt zur Karwoche, auch Heilige oder Stille Woche genannt: In keiner Kirchenzeit liegen Leben und Tod so dicht beieinander. In keiner anderen Woche im Jahr sind wir solch einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt: Einerseits singen wir Hosianna, wenn wir uns an Jesu Einzug nach Jerusalem unter Palmwedeln erinnern - in katholischer Tradition sogar meist ganz physisch mit einer Prozession. Andererseits erfüllt uns Trauer, wenn wir uns sein nahes Leiden und seinen Tod vergegenwärtigen. Das gilt es auszuhalten, bis der Ostermorgen die erlösende Auferstehung verkündet.

Exegetische Hinweise

In erfreulicher Ökumene deckt sich der evangelische Predigttext weitgehend mit der katholischen alttestamentlichen Lesung, die allerdings die beiden letzten Verse der Perikope auslässt. Daher soll dieses so genannte dritte Gottesknechtlied des Deuterojesaja im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen stehen. Im Unterschied zu den drei anderen Gottesknechtsliedern (Jes 42,1-4.7; 49,1-6; 50,4-9; 52,13 bis 53,12) spielt in diesem das stellvertretende Leiden des Gottesknechts keine Rolle; vielmehr geht es in erster Linie darum, auch in schwierigen Zeiten eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott durchzuhalten.

Ebenso drehen sich alle übrigen evangelischen wie katholischen Lesungstexte für Epistel und die Evangelien vom Einzug in Jerusalem letztlich um das spannungsvolle Thema der zuversichtlichen, ja, jubelnden Glaubensgewissheit sogar angesichts von Leid und Tod.

Formal hat dieses Lied des Gottesknechts, in dem er sich allerdings in diesem Fall nur als Lernender, Schüler oder Jünger bezeichnet, manches gemeinsam mit den Vertrauenspsalmen des Psalters: Direkt an Gott richtet der Prophet seinen Lobpreis in der Ich-Form; Anfechtung und Leiden erträgt er stolz und in der festen Hoffnung und Zuversicht auf göttliche Hilfe. Die sechs Verse des Betenden verdichten dies in einer Poesie, die uns bis heute anspricht und berührt.

Die Übertragung dieses sehr kunstvollen Liedes ist dabei nicht unproblematisch - insbesondere ist die Bedeutung des Wortes hebräisch, das in Jes 50, 4b gleich zweimal auftaucht, bis heute nicht bekannt. Nur unzureichend spiegeln deutsche Übersetzungen überdies das gerade im Horizont des Palmsonntag besonders bedeutsame, unserem Sprachgefühl jedoch recht fremde Zeitverständnis des Hebräischen wieder: Indem man beim Nachbeten die alten Psalmworte ausspricht, wird ihr Inhalt vergegenwärtigt in einer Weise, dass vergangenes und zukünftiges Geschehen gleichermaßen für heute nachzuvollziehen und gültig wird. Auf diesem Hintergrund bekommt gerade die alljährliche Feier des Palmsonntags ihre Bedeutung: Wir vergegenwärtigen uns dabei - durch eine Palmsonntagsprozession zugleich physisch sehr eindrücklich - ein Geschehen, das vor fast 2000 Jahren stattgefunden hat, aber durch die Überlieferung der Evangelien bis heute genauso wirkt wie damals.

Der seelsorgerische Zuspruch des Propheten an die Müden gilt insofern also buchstäblich "heute bis in Ewigkeit" - für die israelitischen Zeitgenossen der inzwischen zweiten Generation im babylonischen Exil, für Jesus mit seinen Jüngern zu Beginn seines Leidenswegs vor 2000 Jahren und für uns heute, die wir uns all dies immer wieder neu durchbuchstabieren sollen, können und dürfen.

Die Herausforderung der Predigt besteht für mich vor allem darin, diese verschiedenen Zeitebenen in ihrer Gleichzeitigkeit spürbar zu machen, sie aber dabei nicht zu vermischen.

Impulse zur Predigt

Wir haben gelernt und sind geübt darin, im Dienst unserer Kirche zu predigen: Wie für den Propheten damals ist es dabei auch heute unsere Aufgabe, das Wort Gottes so auszulegen, dass unsere Predigt die Gemeinde stärkt und aufrichtet. Das "geschieht einfach", denken wir oft, und nehmen es als gegeben hin. Ist es das wirklich?

Das Gottesknechtslied sagt uns, dass das so selbstverständlich nicht ist. Denn zunächst einmal sind wir - und gerade wir als Predigende! - darauf angewiesen, dass Gott uns ein Ohr für sein Wort öffnet. Sind wir offen für das Wort Gottes? Hören wir seine Botschaft heraus aus all dem Lärm, der unsere Ohren von früh bis spät umtost, aus allem, was uns als Wahrheit zugetragen und verkauft wird? Und wenn wir sie hören: Achten wir darauf, schenken wir ihr dann Gehör? Wie steht es um unsere eigene geistliche Identität, und, ja, auch um unsere Spiritualität im Alltag? Jeden Morgen weckt Gott das Ohr, nicht nur am Sonntag; an uns liegt es Bedingungen zu schaffen, dass es den Wecker nicht verschläft!

Zweitens bedeutet das aber zugleich: Gottes Wort will und muss immer wieder neu gehört und ausgelegt werden - zuzeiten des Babylonischen Exils, zuzeiten Jesu und seiner Jünger, in den heutigen Zeiten für uns, in kommenden Zeiten für unsere Nachkommen. Die Botschaft des lebendigen Gottes lebt nur dann weiter, wenn wir sie mit neuen Ohren jeden Morgen neu hören, neu durchbuchstabieren, neu interpretieren. Nur wer gut zuhört, bleibt aufmerksam für Gott, für andere und sich selbst, bekommt und bewahrt sich die Stärke, den Mut und die Passion, seine Botschaft zu verkündigen. Nur dann kann seine Botschaft uns (und andere durch unsere geübte "Zunge eines Jüngers") erreichen, stärken und aufrichten.

Gottes Botschaft der Liebe zu predigen - oft scheinbar entgegen aller Vernunft und Erfahrung -, das war durch alle Zeiten gefährlich für Leib und Leben. Jesus und seinen Jüngern brachte sie Anfeindungen und Folter bis zum Tod. Die Prügel und Beleidigungen für den Propheten war da noch das Geringste. Damals trugen freie Männer stolz ihren Bart; nur Sklaven waren rasiert. Den Bart eines Freien zu raufen, dessen Haare also auszureißen und ihn zu bespeien, stellte jedenfalls eine schwere Verletzung der persönlichen Ehre dar. Es erstaunt, mit welchem stolzen Gottvertrauen der Prophet diese Schmach auf sich nimmt: Wer wagt es, mich anzuklagen? Wer könnte etwas gegen mich vorbringen? Der soll nur kommen! Dabei das Gesicht gegenüber dem Schmerz zu verhärten "wie einen Kiesel" bedeutet allerdings, denke ich, nicht, dass dabei auch das Herz verhärtet - sonst wäre die mit-leidende Hingabe, die Passion für die Verkündigung von Gottes Botschaft, nicht mehr möglich.

Die Bergpredigt nimmt dieses Motiv auf, wenn Jesus die Hörenden dazu auffordert, nach einem Schlag auf die rechte Wange auch noch die linke Wange hinzuhalten: Der Schlag auf die rechte Wange beleidigt den Gegner besonders. Denn er kommt mit der offenen rechten Hand, sondern mit dem Handrücken. Der provokante Stolz, mit dem Jesus wie früher der Prophet den Widersachern begegnet, ist allerdings kaum im Sinne eines quietistischen, passiven Pazifismus zu deuten: Einem Streit um Gottes Gerechtigkeit und was daraus für den Menschen folgt gehen beide nicht aus dem Weg. Sie wissen: Glauben lebt, wächst und entfaltet sich nur, wenn er weitergegeben wird, im Austausch und ebenso in der Konfrontation mit anderen.

So wenden sich beide nicht ab, bleiben ihren Widersachern zugewandt. Sie verlieren nicht ihren Glauben, sondern suchen weiter - wenngleich provozierend - die Auseinandersetzung darüber mit den Gegnern. Nur ist dabei der Einsatz physischer Gewalt für sie keine Option. Sie führen den Dialog fort, auch wenn es für sie Leid bedeutet. Sie sind sich sicher: Gottes Liebe zu den Menschen und allen seinen Geschöpfen zeigt sich, selbst wenn der Mensch sich dagegen wehrt. Gleichzeitig wissen sie: Liebe bedeutet Hingabe, Passion - und damit Leiden.

Angriffen auf Leib und Leben sind wir beim Predigen in Mitteleuropa heute glücklicherweise nicht mehr ausgesetzt.

Im Glaubensbekenntnis preisen wir Gott den Schöpfer. Die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, zu uns Menschen und unseren Mitgeschöpfen ist ein Gemeinplatz des Glaubens, den wir gerade in unseren zahllosen Gottesdiensten im Grünen gerne und ausgiebig feiern.

Geht es allerdings um die Konsequenzen, die sich daraus für unser Tun ergeben, sieht es manchmal anders aus. Kritisch wird es, sobald wir die persönliche Mit-Verantwortung für das gedeihliche und achtsame Wirken in der Schöpfung ansprechen, die uns als seine Sachwalter auf der Erde zukommt. Da wird dann allerdings um die Wahrheit gerungen und verbal hart gekämpft. In der Praxis des Gemeindealltags ringen die unterschiedlichsten Persönlichkeiten, Interessen, Erkenntnisstände miteinander darum, wie man das Ideal umsetzen und im Einzelfall ausgestalten soll. Befindlichkeiten und Animositäten überlagern da schnell einmal die Sachfragen. Leicht fühlt sich jemand übergangen, nicht ausreichend gewürdigt, missverstanden; die Fronten verhärten sich, der eine reagiert mit aggressiver Polemik, wird ausfallend, beleidigend, die andere zieht sich zurück, steigt aus - im schlimmsten Fall sogar aus der Kirche. An passenden Beispielen aus der Gemeinde des/der Predigenden wird es nicht mangeln, um das konkret - mit der gebotenen Achtsamkeit - auszuführen.

Ein Schlag ins Gesicht (im übertragenen Sinne) kann einen da jedenfalls schon einmal mit voller Wucht treffen. Können wir dass mit solch trotzigem Selbstbewusstsein und einer solchen Glaubensgewissheit wie vor uns der Prophet und später Jesus ertragen?

Nachhaltigkeit in der Kirche durch Kirchliches Umweltaudit

Der seelsorgerische Ton des Liedes spricht mich als kirchliche Umweltberaterin und Umweltauditorin besonders an. Kirchliches Umweltaudit ist ein möglicher "Königsweg" zur Nachhaltigkeit für kirchliche Gemeinden und Einrichtungen. Sie geben sich dabei zunächst "Schöpfungsleitlinien" als Richtschnur für ihr Handeln. In diesen kommen idealerweise ökologische, ökonomische und soziale Kriterien gleichermaßen zum Tragen. Binnen ein bis zwei Jahren überprüfen sie den Gemeindealltag anhand dieser Kriterien und machen einen Plan, was sie in den nächsten Jahren konkret verbessern können und wollen, und wer für einzelne Maßnahmen verantwortlich ist. Jedes Jahr prüft man oder lässt prüfen, ob die Maßnahmen umgesetzt und die Ziele erfüllt wurde.

Das Lied des Gottesknechts klingt wie eine Begleitmusik auf diesem Weg: Das lateinische Wort audire heißt "hören". Das gilt vor allem für die Auditoren, die den Einstieg in ein Audit, d.h. ins "Zuhören", anleiten und es begleiten. Besonders zu Beginn, doch auch später immer wieder neu, sollen sie genau hinhören und zuhören - den radikalen Voll-Ökos, den "Teilzeit-Heiligen", für die mehr oder weniger Ökoprodukte zum persönlichen Lebensstil gehören und denen, die der vermeintlichen "Ökowelle" mit Skepsis begegnen. Ihnen allen sollen sie zuhören in Konflikten und für sie das richtige Wort finden.

Der Psalm verspricht ihnen und uns: Gott wird uns das Ohr öffnen, damit wir gut zuhören können. Das wird uns stärken, wenn wir im Sturm widerstreitender Interessen Anfeindungen ausgesetzt sind. Und es hilft uns, andere zu stärken, weil wir die Worte finden für die, die der vermeintlich unfruchtbaren Diskussionen müde sind, die gebeugt erscheinen von der Last tatsächlicher oder gefühlter Misserfolge.

Die jüdische Morgenliturgie beginnt mit einem Segensspruch: "Gepriesen seist du, Herr, unser Gott, König der Welt, der den Müden Kraft schenkt." Die Glaubensgewissheit, die daraus wie aus dem Gottesknechtslied des Deuterojesaja spricht, wirkt ansteckend bis heute: In jedem Moment seit damals, vor zweieinhalb Tausend Jahren, stärkt er uns den Rücken, lässt er unsere Zuversicht wachsen und gibt uns den langen Atem, der nötig ist, um ein schöpfungsfreundliches Leben zu gestalten, in dem jeder und jede von uns ihren Platz hat.
Christina Mertens
Umweltaudit: Die anstehenden Aufgaben auch erledigen …
Mertens
(© Wikimedia Commons/Wolfgang Sauber)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B        Palmarum / Palmsonntag | 1.04.12

evang. Reihe IV:
Jes 50, 4-9
kath. 1. Lesung:
Jes 50, 4-7
kath. 2. Lesung:
Phil 2, 6-11
kath. Evangelium:
Mk 11, 1-10 oder
Joh 12, 12-16