Der Verfasser betrachtet den Predigttext der ev. Reihe IV und die beiden Lesungstexte der kath. Leseordnung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: bei kontroversen Ansätzen das Ziel nicht aus den Augen verlieren (Phil 1); Idee des Sabbatjahrs, unerwünschte Folgen des Prinzips der Gewinnmaximierung (2 Chr 26); die "neue Existenz" im Christentum: nicht für den materiellen Wohlstand, sondern für das Leben einsetzen (Eph 2)
Stellung im Kirchenjahr

Der Name "Laetare" bedeutet "Freue dich"; er kommt vom Introitus der Liturgie, der auf Jes 66, 10-11 zurückgeht: "Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt euch an ihrem mütterlichen Reichtum". In der Mitte der Fastenzeit wird auf Ostern vorausgeblickt, so dass der Mittfasten-Sonntag einen freudigen Charakter hat; das liturgische Violett der Fastenzeit wird bisweilen zu rosafarbenen Paramenten aufgehellt.

EKD Reihe IV: Phil 1, 15-21

Exegetische Überlegungen
Mit der Gemeinde in Philippi (Griechenland) war der Apostel Paulus in besonders freundschaftlicher Weise verbunden (Phil 4, 15). Den Briefabschnitt, aus dem die Perikope stammt, schreibt Paulus in Gefangenschaft, vermutlich in Ephesus. Doch diese widrigen Umstände thematisiert er nicht weiter, vielmehr geht es ihm vor allem um die Verkündigung Christi. Obwohl sich Paulus über die Fortschritte der Verbreitung des Evangeliums freut, muss er feststellen, dass einige der Verkünder von Neid und Eigennutz geleitet sind und von der Gefangenschaft des Apostels selbst profitieren wollen. Paulus lässt sich auf diese Streitigkeiten nicht ein und betont die Notwendigkeit der Verkündigung Christi - selbst in seinem Leiden will er Christus verherrlichen. Nichts im Leben ist ihm wichtiger als Christus, und selbst das Sterben ist für Paulus ein Gewinn.

Predigtimpulse
Einer christlichen Gemeinde sollte es eigentlich immer nur um das Eine gehen: die Verkündigung Christi und das gemeinsame Wachsen im Glauben - und doch gibt es in den Gemeinden und in den Kirchen viel Streit und Uneinigkeit, auch Neid und Missgunst. Paulus plädiert dafür, das alles nicht zu hoch zu hängen, sondern das große Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: Christus. Im Blick auf die Gemeinschaft mit Christus jetzt und die Hoffnung der einstigen Begegnung mit ihm in Tod und Auferstehung siegt die tiefe Freude über viele Widrigkeiten des Alltags.

Bezug zur Nachhaltigkeit
Auch im Bemühen um Nachhaltigkeit gibt es oft unterschiedliche Auffassungen, die mitunter in gegenseitige Vorwürfe, Neid und Streit ausarten. Bei allen Kontroversen um den richtigen Weg darf aber das große Ziel nicht aus den Augen verloren werden: Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden. Jede Initiative, die dafür einen Beitrag leistet, ist hilfreich und willkommen - auch wenn sie vom politischen Gegner kommt, auch wenn die andere Gruppe nicht zur eigenen Frömmigkeit passt, auch wenn "die anderen" eine Idee realisieren, die "wir" gehabt haben, aber nicht verwirklichen konnten.

Kath. Lesejahr B: 2 Chr 36, 14-16.19-23

Exegetische Überlegungen
Die Bücher der Chronik erzählen die biblische Geschichte in Anlehnung an die Bücher Genesis bis 2 Könige. Der Schluss des 2. Chronikbuches berichtet gerafft die Ereignisse von 587/586 v. Chr.: die Eroberung und Zerstörung Jerusalems sowie die Brandschatzung des Tempels durch die Babylonier. Die Jerusalemer werden getötet oder ins Exil nach Babylon deportiert. Erst nach der Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros 539 v. Chr. ist an eine Heimkehr und den Wiederaufbau des Tempels zu denken.

Predigtimpulse
Die Bibel deutet die ungeheuerlichen Ereignisse von Tempelzerstörung und Exil als göttliche Strafe für die Missachtung der Boten Gottes, der Propheten, und für den Ungehorsam gegenüber Gottes Weisung. Gott zog Israel und Jerusalem also sehr massiv zur Rechenschaft - Gott wird dies in der einen oder anderen Weise auch wieder tun, wenn wir gegen seine Weisung handeln. Gerade die Fastenzeit macht darauf aufmerksam, dass wir vor Gott verantwortlich sind.

Bezug zur Nachhaltigkeit
Eigentlich sollte das Land in jedem siebten Jahr brach liegen - damit es sich erholen kann und die Armen vom Wildwuchs leben können. Doch in grenzenloser Gewinnsucht wurde dieses Gebot Gottes missachtet und das Sabbatjahr nicht eingehalten. Das Exil in Babylon wird so gedeutet, dass die nicht eingehaltenen Ruhejahre nun "am Stück" nachgeholt werden (V 21). Die biblische Einrichtung des Sabbatjahres (Levitikus 25) zeigt, dass die Gewinnmaximierung nicht das oberste Ziel sein darf: Mensch und Natur brauchen "Aus-Zeiten" der Ruhe und Erholung. Gott setzt mit Sabbat / Sonntag und Sabbatjahr dem menschlichen Geschäftemachen Grenzen - aus gutem Grund. Immer, wenn der Mensch aus Gewinnsucht diese Grenzen überschreitet, ist die Katastrophe nahe.

Kath. Lesejahr B: Eph 2, 4-10

Exegetische Überlegungen
Der Epheser-"Brief" ist eigentlich eine feierliche Predigt über die Kirche und die Einheit der Christen in ihr. Der gewählte Abschnitt betont: Christinnen und Christen leben in einer neuen Existenz, die von Gottes Gnade und Liebe geprägt ist und in der Auferstehung Jesu Christi begründet ist.

Predigtimpulse
Christinnen und Christen dürfen sich schon als von Gott gerettet verstehen - aber nicht aufgrund eigener Leistungen in der Frömmigkeit oder im Tun guter Werke, sondern allein aufgrund der Gnade Gottes. Weil sie aber deswegen nicht mehr verloren gehen können und nichts mehr verlieren können, sind sie dazu in der Lage und aufgerufen, Gutes zu tun.

Bezug zur Nachhaltigkeit
Als christlicher Mensch muss man aus seinen Kräften und seinem Besitz nicht das Letzte herausholen und auf Kosten anderer nach immer mehr Genuss streben: Wer sich als Geschöpf Gottes versteht und sich durch Christus gerettet weiß, kann sich gelassen zurücklehnen: Man muss nicht an der Hetze nach immer mehr Wohlstand und Gewinn teilnehmen, vielmehr kann man mit den eigenen Kräften sich und anderen Gutes tun. Wer weiß, dass er seinen Platz im Himmel schon hat, kann und soll sich dafür einsetzen, dass auf dieser Erde das Leben dieser und künftiger Generationen in einer intakten und lebenswerten Umwelt möglich ist - nur dann ist die Rede von der Gnade Gottes annähernd vermittelbar. Der Einsatz für einen nachhaltigen und schonenden Umgang mit den Ressourcen dieser Erde zur Erhaltung der Schönheit der Natur gehört zu den "guten Werken, die Gott für uns im Voraus bereitet hat": Gottes Lebenshaus für den Menschen darf nicht durch rücksichtslose Gewinnmaximierung zerstört werden.
Prof. Dr. Thomas Hieke, Mainz
Trotz kontroverser Strategien das Wesentliche im Blick behalten …
Dr. Hieke
(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B     Laetare / 4. Fastensonntag | 18.03.12

evang. Reihe IV:
Phil 1, 15-21
kath. 1. Lesung:
2 Chr 36, 14-16.19-23
kath. 2. Lesung:
Eph 2, 4-10
kath. Evangelium:
Joh 3, 14-21