Der Autor betrachtet ausführlich die ev. Predigtperikope und die Bibelstelle zur 1. kath. Lesung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: sich von der Welt / dem Mainstream-Denken unterscheiden (1 Petr 1); 10 Gebote als Grundlage nachhaltigen Miteinanders in einer modernen Gesellschaft (Ex 20)
Überlegungen zu 1. Petrus 1, 13 - 21 (Evang. Perikopenreihe)

Kurze Exegese
Über Verfasserfragen muss hier nicht lange diskutiert werden. Vieles spricht dafür, dass es sich beim 1. Petrusbrief um ein pseudepigraphisches Schreiben (Rundschreiben an Christen in Kleinasien, so Vielhauer u.a.) handelt.

Interessanter ist die Frage nach den Adressaten selbst. Ganz offensichtlich handelt es sich um Heidenchristen, Menschen also, die im Lauf ihres Erwachsenenlebens den Wechsel der Religion vollzogen und die sich als Christen nun offensichtlich in einer Konfliktsituation (Verleumdung) mit Teilen ihrer Umwelt befinden (vgl, 1. Petr. 2, 12; 3,16; 4,4).

Ihr Verhalten angesichts dieser Situation, das ist Thema des Briefs und auch unseres Predigttextes.

Ich entscheide mich für die lange Version des Textes, da die Verse 18ff. unmittelbar mit den Versen 13 - 17 zusammengehören Ebenso schließt der Abschnitt 1, 13ff. an das Proömium 1, 3 - 12 inhaltlich an, indem Motive des dort Gesagten aufgenommen und expliziert werden.

Nach Auffassung des Verfassers des 1. Petrusbriefes besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Wort vom geschenkten Heil und den konkreten formen eines im Glauben veränderten Lebens (Brox, S. 73).

Sehr konkret wird der alleinige Kristallisationspunkt christlicher Hoffnung die durch Jesus Christus zugesprochene Gnade benannt. Ihm allein ist Folge und Gehorsam zu leisten (vgl. auch Vers 17!) in nüchternem Sinn, deutlich unterschieden vom früheren Leben zu der Zeit der Unwissenheit, das offenbar von ungezügelten / unkontrollierbaren Leidenschaften geprägt war.

Das Gnadengeschenk der Erlösung durch Christus erfordert angesichts der Lebensumstände ein deutlich und erkennbar geändertes Leben von einem Christen. Solchem Leben aber wohnt die Hoffnung inne, dass Gott vollenden wird, was er mit seinem (neuen) Gottesvolk begonnen hat. Positiv wird dem früheren Leben (und der derzeitigen Umwelt der Adressaten) das Ideal des Heiligseins gegenüber gestellt. Heilig in diesem Zusammenhang ist als das Geschieden-Sein (von der Welt) und Gott zugehörig sein zu verstehen (Brox, S. 77). Heilig als Attribut von Menschen gibt diesen Menschen einen besonderen Status, der sie von der übrigen Welt abhebt. (ebd.)

In den folgenden Versen 17 -21 wird die Motivation beschrieben, die dem geforderten Wandel eines Lebens im Glauben zugrunde liegt.

Nebeneinander werden der hohe Preis, den Gott in Jesus Christus für die Seinen eingesetzt hat genannt, ebenso wie das nahe Verhältnis zu Gott ("Vater", Vers17) und die Furcht vor dem Richter, der ohne Ansehen der Person jeden nach seinen Taten beurteilt. Letztlich sollen alle Ermahnungen dahin führen, dass die Angesprochenen erkennen: Aller Glaube und alle Hoffnung sind allein auf Gott zu richten, denn Leben vor oder ohne Hoffnung, deren Ursache Christus ist, ist leer und sinnlos. (Brox, S. 85)

Zur Predigt
Es leuchtet ein, dass die Situation der Predigthörerinnen und -hörer im Jahr 2012 ein gänzlich andere ist als die der Adressaten des 1. Petrusbriefs.

Auch wenn sich Kirche in Deutschland rückläufig entwickelt - zumindest was Mitgliederzahlen und Finanzen angeht - so verhält sich die kirchlich distanzierte Gesellschaft eher desinteressiert bis neutral denn aggressiv gegenüber Kirche. Auch haben wir es weitestgehend mit Christen zu tun, die als Kleinkinder in diese Kirche hineingetauft wurden und nicht als erwachsene Menschen die Taufe empfingen. Insofern ist der Vergleich zwischen altem (Heidentum) und neuem Leben (Christentum), den der Predigttext zieht, rein religiös bezogen, wenig hilfreich.

Doch lässt sich das Motiv des Wandels bezüglich eingefahrenen und gewohnten Handelns und Denkens gut auf die Situation heutiger Gemeindeglieder übertragen.

Positive, gelungene Beispiele solch eines Wandels könnten am Anfang stehen (z.B. berichtete der Spiegel im Jahr 2006 von einem Projekt, in dessen Rahmen Prostituierte zu Altenpflegerinnen umgeschult wurden).

Als aktuelle und notwendige Handlungsfelder des Wandels könnten die Energiewende, die Finanzwelt (Griechenland!), die Armutsschere, der nachhaltige Umgang mit der Schöpfung dienen. Es könnte aber auch thematisiert werden, wie eine Kirche im Wandel (Stichwort Gemeindezusammenlegungen, Pfarrstellenabbau) dies bewältigt, bzw. welche Maßstäbe dabei eine Rolle spielen. Agieren wir dabei wie ein "normales" Unternehmen oder werden auch andere handlungsleitende Maßstäbe deutlich? Etwa in dem Sinne, dass bei aller Veränderung nicht nur die Bedürfnisse von Gemeindegliedern, sondern auch die kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie deren Familien mit im Blick sind?

Dies ist m.E. ein zentrales Thema des Predigttextes: Wenn gefordert wird, dass Christen sich von der Welt unterscheiden sollen - heute würden wir wohl sagen: dass Christen / Kirche nicht nur mit dem Mainstream schwimmen sollten - dann stellt sich die Frage nach dem richtigen Maßstab. Der Verfasser des 1. Petrusbriefs nennt als zentralen Maßstab Gott (Vers 15).

Nun ist die Berufung auf Gott und seinen Willen als Maßstab menschlichen Handelns im Verlauf der Geschichte mehr als einmal missbraucht worden und angebliche Heiligkeit zur Scheinheiligkeit verkommen. Doch das darf uns nicht daran hindern immer wieder neu zu fragen, was bei unseren heutigen Problem- und Fragestellungen ein angemessenes christliches Handeln und Verhalten sein kann. Maßstab für mich ist die Frage, inwieweit mein Handeln, mein tun und Lassen dem Leben dient, Lebenschancen aller berücksichtigt und nach Kräften fördert. Heiligkeit kann dabei immer nur als eine aus der Orientierung am Heiligen (Gott) sich ergebende Qualität, niemals als aus sich heraus fehlerfreies Handeln verstanden werden. Denn natürlich bleibt alles was wir tun mit dem Risiko des Irrtums und Scheiterns behaftet, bleibt der Vorläufigkeit unseres Lebens verhaftet. Hier wirkt dann die eschatologische Perspektive ("damit ihr Gauben und Hoffnung habt", V 21) des Predigttextes entlastend ohne gleichgültig zu machen.

Stellung im Kirchenjahr und Liturgie
Der Predigttext ist für den 3. Sonntag der Passionszeit (Oculi) vorgegeben.
Das Leitbild dieses Sonntags in der Evangelischen Kirche ist die Nachfolge, bzw. die Bereitschaft zum Verzicht.
Die Liturgische Farbe ist violett.
Als Wochenpsalm wird Psalm 34 vorgeschlagen.
Liedvorschläge: EG 401, EG 354

Zu den weitern Texten

Exodus 20, 1 - 17
Über die zehn Gebote zu predigen beinhaltet einen besonderen Reiz ebenso, wie eine besondere Herausforderung. Denn wir haben es mit einem Text zu tun, der nach wie vor zum "Grundwissen" nicht nur von Christen, sondern unserer ganzen Gesellschaft gehört. Damit verbunden ist die Gefahr, dass die Gemeinde (vielleicht auch der Prediger/ die Predigerin?) meint, es sei in Bezug auf diese Gebote doch alles klar, alles schon einmal gedacht und gesagt. Traditionelle Deutungsmuster mögen die Atmosphäre bestimmen. Diese aufzubrechen und zu versuchen, diesen Text auf unsere aktuelle gesellschaftliche Situation hin zu deuten, das scheint ein lohnenswertes Unternehmen.

Ich schließe mich im Folgenden eng an Ina Willi-Plein (Das Buch vom Auszug , 2. Mose - Kleine Biblische Bibliothek, Neukirchen-Vluyn, 1988) und ihre Aussagen zur Stelle an.

Aller weiteren Weisung gehen diese zehn Grundsätze des Lebens vor Gott voraus. Als apodiktisches Recht enthalten die Gebote keine Strafandrohung. Doch für welche Gesellschaft könnte gelten, dass Mord, Raub, Betrug nicht sanktioniert wären. Erst recht: für welche Gesellschaft würde gelten, dass solches Verhalten nicht nur nicht vorkommen sollten, sondern eigentlich feststellt, dass es dies alles nicht geben wird in dem Volk, das diese Gebote empfängt (S. 135)?

Mit Blick auf menschliches Verhalten wäre dann zu fragen: Sind die Gebote nicht doch eine Utopie, ein Ideal, das nicht verwirklicht werden kann? (S. 138)

Grundsätzlich lässt sich nach Willi-Plein festhalten, dass es bei den zehn Geboten nicht um einen theoretischen Monotheismus geht, sondern in ihnen eine Selbstverständlichkeit in der Liebesbeziehung zwischen Gott und seinem Volk zum Ausdruck kommt. Er ist ein leidenschaftlicher, eifernder Gott, der um "seine" Menschen wirbt, damit sie ihm in Freiheit dienen. Darum unter anderem hat er sie in die Freiheit geführt.

Die Entsprechung zu dieser Liebe im Verhalten der Menschen untereinander liegt in der Betonung der Unantastbarkeit des Mitmenschen, im Respekt vor seiner Menschlichkeit und Würde würden wir heute vielleicht formulieren. Dem dienen die Gebote der zweiten Gesetzestafel, die natürlich in vielen anderen Gesetzessammlungen, in denen menschliches Zusammenleben geregelt wurde und wird, auch zu finden sind. Hier jedoch sind sie in den unauflöslichen Zusammenhang der Gottesliebe zu seinem Volk hinein gestellt.

Quasi eine Scharnierfunktion zwischen erster und zweiter Tafel bildet das Elterngebot in den Versen 12f. "Nimm deinen Vater und deine Mutter wichtig" so lautet die Übersetzung Willi-Pleins des uns vertrauten "Du sollst Vater und Mutter ehren!"

Doch geht es, wie die Lutherübersetzung vielleicht nahelegen könnte, hier nicht um ein wort zur Kindererziehung und auch nicht um eine Liebe gegenüber den Eltern im Sinne einer modernen Muttertagsromantik (S. 136). Es geht um mehr! Das Wort "Ehre" der deutschen Übersetzung heißt im Hebräischen eigentlich "Gewichtigkeit". Wenn wir Gott die Ehre geben, also ihn wichtig nehmen, lassen wir ihn an erster Stellen stehen. Ähnlich verhält es sich mit dem wichtig nehmen anderer Menschen, insbesondere der Eltern. "Jeder Mensch ist wichtig, und die Lebensfähigkeit einer Gemeinschaft hängt eng damit zusammen, ob einer das Gewicht des anderen respektiert. Ihr Fortbestand ergibt sich aus der Kette der Generationen, durch die das Nebeneinander der jeweils Lebenden in der Vergangenheit verankert ist und in die Zukunft fortgeführt wird. Jeder lebt von den Erfahrungen der Früheren, ohne die er von der Vielfalt des Lebens überfordert und zum Untergang verurteilt wäre. Darum sind die Eltern "wichtig". Doch der heranwachsende und der erwachsene Mensch ist in Gefahr, sich selbst zu verabsolutieren. Der Rat, ja sogar die Gegenwart der Älteren und ihrer Wertvorstellungen wird dann als lästig empfunden. Solche Selbstherrlichkeit bereaubt den Menschen seiner Wurzeln in der zeit und letzten Endes auch seiner Zukunft; denn niemand kann von sich aus neue Lebenszusammenhänge begründen. Damit hängt die Erklärung des Gebots in der zweiten Vershälfte zusammen. Gewiss soll man nicht lebenslang von den Eltern abhängig bleiben (Gen 2, 24!). Doch die durch die Generationen überlieferten Grundregeln menschlicher Gemeinschaft werden von den Eltern an die Kinder weitergegeben; man nimmt die Eltern wichtig, macht ihnen Ehre, wenn man sich entsprechend verhält. Insofern ist das Elterngebot Überschrift und Bedingung jener fünf Grundsätze des vorstaatlichen Gemeinschaftsverhaltens." (S. 136)

Folgt man diesen Überlegungen, dann lassen sich m.E. interessante Aspekte für das Zusammenleben heute in einer Predigt erörtern.

In einer älter werdenden Gesellschaft muss auch das Zusammenleben von Jung und Alt neu austariert werden. Wie gestalten wir das Miteinander der Generationen? Welche Rolle spielt die jeweils andere Gruppe? Nehmen wir uns gegenseitig wichtig? Nutzen wir die Erfahrungen der Älteren? Oder meinen wir das Rad jeweils neu erfinden zu können und zu müssen?

Welche Werte (oder sind es nicht eigentlich Tugenden?) sollen das Miteinander unserer Gesellschaft in Zukunft prägen, damit wir Zukunft haben?

Wie gehen wir mit Menschen in der letzen Lebensphase um vor dem Hintergrund der Aussage, dass jeder Mensch wichtig ist?

Ich meine, auch in die aktuellen Problemstellungen und Diskussionen unserer Gesellschaft hinein lassen sich aus den alten zehn Geboten "neue" Erkenntnisse und Handlungsoptionen gewinnen. Im Sinne einer Lebensperspektive für alle, einer Lebensperspektive mit Zukunft. Denn dies allein entspricht am Ende auch der Liebe des lebendigen Gottes nicht nur zu uns Menschen, sondern zum Leben überhaupt.
Andreas Gutting, Albersweiler
Geschiedensein von der Welt: Unterscheiden sich Christen - und wie …?
Gutting
(© MEV)
zurück zur Übersicht (KJ 2011/12)

Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B        Okuli / 3. Fastensonntag | 11.03.12

evang. Reihe IV:
1 Petr 1, (13-17).18-21
kath. 1. Lesung:
Ex 20, 1-17
kath. 2. Lesung:
1 Kor 1, 22-25
kath. Evangelium:
Joh 2, 13-25