Der Verfasser geht auf die ev. Predigtperikope sowie die Bibelstellen zur kath. 1. Lesung und zum Evangelium ein. Stichworte zur Nachhaltigkeit: gerechte Teilhabe statt Tafeln für die Armen (Amos 5); Gottes Zukunftsversprechen gilt, mit dieser Hoffnung schwierige und notwendige Weichenstellungen durchführen, keine Macht den "Bremserländern" USA und China (Jes 43); die Lähmung durch Hilfe zur Selbsthilfe überwinden (Mk 2)
Amos 5, 21 - 24

Authentischer Gottes-dienst: Liturgie und Diakonie gehören zusammen
Kritik am Gottesdienst hat Tradition. Schon die Bibel setzt sich damit auseinander, wie Menschen ihren Glauben feiern und wie sie ihn feiern sollten. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Prophet Amos. Er konfrontiert in der Perikope eine luxusverliebte Oberschicht, die sich an den Armen bereichert und sie mit Füßen tritt, mit ihrer kultischen Praxis. In bezeichnender Weise verbindet er so Gesellschafts- und Gottesdienstkritik.

Er kritisiert die Etablierten, die üppige Gottesdienste mit fetten Opfern feiern, sich zugleich aber einen Dreck um das Wohlergehen der Armen scheren. Diese "kultische Selbstbefriedigung" stimmt Gott nicht gnädig und macht Amos zornig. Mit seiner "Strafpredigt" stellt Amos deshalb klar, dass Liturgie und Diakonie zusammengehören. Von Dietrich Bonhoeffer wird das bekannte Diktum überliefert: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen." Ich stelle mir vor, dass ihn Amos dazu inspiriert haben mag. Amos schärft uns ein: Sonntags- und Alltagschristentum sind zwei Seiten der einen Medaille. Beide sind nicht voneinander zu trennen. Wir wirken als ChristInnen nur dann überzeugend, wenn wir nicht nur schöne Sonntagsreden halten, sondern auch am Werktag danach leben. Damit ist die Frage aufgeworfen, was denn einen "authentischen Gottes-dienst" heute ausmacht.

Amos erinnert an die biblischen Leitbilder von Recht und Gerechtigkeit, die nicht an Aktualität verloren haben. Diese gilt es auch in einer Predigt über diesen Text aufzugreifen. So gibt es in der deutschen Gesellschaft immer mehr Menschen unter der Armutsgrenze, während zugleich der gesellschaftliche Reichtum wächst. Doch dieser bleibt auf wenige beschränkt. Die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände haben darauf u. a. mit der Gründung der Tafeln reagiert. Bundesweit gibt es mittlerweile annähernd 900 davon. Dies ist sicherlich ein wichtiger Schritt in der Versorgung Bedürftiger mit Lebensmitteln.

Doch Armutsforscher machen auf den Skandal aufmerksam, dass - trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs - immer mehr Menschen nicht mehr von dem leben können, was sie erarbeiten bzw. an staatlichen Transferleistungen bekommen. Die Tafeln tragen mit ihrer eigenen Versorgungsstruktur auch dazu bei, dass Menschen ihr Selbstwertgefühl verlieren und sich dauerhaft in Armut einrichten. Wer wenig Geld zum Leben hat, der muss Stammkunde bei der Tafel bleiben. Wer hingegen im Geschäft einkaufen kann, wo alle einkaufen, der braucht nicht von den Lebensmitteln zu leben, die andere verschmähen oder das Verfallsdatum überschritten haben. Tafeln tragen zweifelsohne dazu bei, Not zu lindern. Doch die betroffenen Menschen brauchen mehr als ein Almosen. Amos richtet den Fokus deshalb auf Solidarität und gerechte Lebensverhältnisse für alle. "Gerechte Teilhabe" bedeutet deshalb, auch über die Verteilung der Güter in unserer Gesellschaft und d.h. auch über Verteilungsgerechtigkeit nachzudenken. Warum nicht in der Predigt? Amos gibt dazu die Steilvorlage.

Jes 43, 18-19.21-22.24b-25

Gott macht Zukunft möglich - schon heute
Dieser Text aus Deuterojesaja ist durchzogen von einem Grundton der Hoffnung. Gott verheißt den Israeliten im baylonischen Exil einen neuen Anfang. Diese neue Perspektive, die Gott eröffnet, liegt nicht in ferner Zukunft, sondern scheint schon in die Gegenwart hinein (V.19). Dieser Gedanke wird dadurch unterstrichen, dass die verheißene Zukunft eine Konsequenz aus der Sündenvergebung Gottes ist (V.25). Die Schuld wird nicht geleugnet. Neues kann entstehen, weil Gott den Menschen nicht bei seiner Schuld behaftet, sondern eine Zukunft in Freiheit ermöglicht. Dazu macht Gott das Unmögliche möglich: Mitten durch die Wüste ebnet er seinem Volk die Bahn für die Rückkehr. Wie beim Exodus aus der ägyptischen Gefangenschaft kümmert er sich auch auf diesem mühevollen Weg liebevoll um sie. Dafür stehen die Hoffnungsbilder in V.20, die man nicht aus dem Text aussparen sollte: Wasser des Lebens in der Steppe und mitten in der Wüste.

Gott schenkt Zukunft - trotz aller Schuld. Dieser Grundgedanke lässt sich auch im Blick auf Nachhaltigkeit auslegen. Im Zuge des "Dominium Terrae" hat der Mensch die Erde und ihre Ressourcen rückhaltlos ausgebeutet. Erst die Schäden, die wir ihr zugefügt haben, haben uns das Missverständnis einer falsch verstandenen Beherrschung der Erde erkennen lassen. Gleichwohl gilt die Zusage Gottes, dass sein Bund, geschlossen mit Noah nach der Sintflut (Gen.9), trotz unserer Schuld nicht aufgekündigt wird. Von daher könnte die von Gott versprochene Zukunft in einem neuen Verhältnis zur Schöpfung bestehen, das von einer gärtnerischen Grundhaltung der Bebauung und Bewahrung getragen ist. Der Text regt also dazu an, ihn grundsätzlich im Sinne einer "Theologie der Hoffnung" zu lesen: "Ohne die Hoffnung aber verfällt der Glaube, wird zum Kleinglauben und endlich zum toten Glauben. Durch den Glauben kommt der Mensch auf die Spur des wahren Lebens, aber allein die Hoffnung erhält ihn auf dieser Spur." (Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, München 12.Auflage 1985, S.16).

Gerade in ökologischer Hinsicht sind die Perspektiven unseres Planeten jedoch alles andere als hoffnungsvoll. Folgen wir den nackten Tatsachen, dann scheint die Klimaerwärmung mit ihren dramatischen Auswirkungen auf unsere Umwelt allein durch äußerste Anstrengung und eine ambitionierte weltweite Klimapolitik steuerbar. Nur so kann es gelingen die Klimaerwärmung auf das notwendige Minimum von plus zwei Grad (im Vergleich zur vorindustriellen Zeit) zu begrenzen. D.h. Schritte gegen den Klimawandel sind nur durch einen grundlegenden Wandel unseres Energieverbrauchs und Lebensstils zu erreichen. Ohne die Hoffnung, dass dies auch wirklich machbar ist, wird ein Umsteuern kaum möglich sein.

Die EKD-Synode hat im November 2008 den evangelischen Landeskirchen empfohlen, bis 2015 25% ihrer CO2-Emissionen gegenüber 2005 einzusparen. Die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) hat dazu einen Runden Tisch eingerichtet, der konkrete Maßnahmen und ihre Umsetzung überlegen soll. Doch ich frage mich manchmal: Ist der Klimaschutz wirklich in der Kirche angekommen? Oft genug erlebe ich schlecht isolierte Gebäude und Heizungen, die nutzlos Energie verschleudern. Auch in kirchlichen Büros bleiben Computer und Drucker über Nacht eingeschaltet. In Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen gibt es noch viel Potential zur CO2-Einsparung. Soll der Klimaschutz keine leere Worthülse sein, dann braucht es auch in der Kirche noch mehr an Bewusstsein und konkreten Schritten der Umsetzung. Das gilt ebenso für die nationale und internationale Politik, wenn das Kyoto-Protokoll und mögliche Nachfolgeprojekte nicht nur ein Lippenbekenntnis der PolitikerInnen bleiben und die bisherigen Bremserländer USA und China gewonnen werden sollen.

Wirbelstürme, Überschwemmungen und andere Katastrophen lassen einen manchmal schon die Hoffnung aufgeben, dass eine Umkehr überhaupt noch möglich ist. Umso wichtiger wäre es, in der Predigt an das "Prinzip Hoffnung" (Ernst Bloch) zu erinnern. Gott macht Zukunft möglich. Sie beginnt schon jetzt mit dem Exodus aus der Verstrickung in eigene Schuldzusammenhänge: Für uns Einzelne genauso wie für Kirchen und Staaten. Gott ebnet dazu die Wege, auch wenn sie manchmal mitten durch die Wüste führen.

Mk 2, 1-12

Hilfe zur Selbsthilfe
Diese Geschichte steht in einer Reihe von Heilungsberichten. Jesus heilt einen Gelähmten. In dieser Perikope ist die Heilung jedoch (nur) Vorspiel für ein Streitgespräch mit den Pharisäern, das wesentlich um Jesu Vollmacht kreist, Sünden zu vergeben. Der Zusammenhang mit Sünde (2, 5.10) lässt darauf schließen, dass man die Lähmung als Folge von Sünde verstand (vgl. Joh. 9,2f). Jesus diskutiert nicht nur mit den Pharisäern, er wendet sich auch an den Gelähmten. Seine Worte (V.11) wirken. Der (zuvor noch) Gelähmte steht prompt auf, nimmt seine Bahre und geht nach Hause.

So gesehen leistet Jesus "Hilfe zur Selbsthilfe". Er ermächtigt den, der vorher an sein Bett gefesselt und auf die Hilfe anderer angewiesen war, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Darin lässt sich das Grundmodell von Entwicklungshilfe wiederfinden, das auch Misereor und Brot für die Welt praktizieren. Die Diakonie-Katastrophenhilfe schult z.B. Menschen im Tschad, die nach der Vertreibung wieder in ihre Dörfer zurückkehren, wie sie die Brunnen reparieren. Bauern erhalten Saatgut und werden darin qualifiziert und begleitet, wie sie Gemüse anbauen. Selbsthilfegruppen von Frauen werden beraten, wie sie weitere wirtschaftliche Standbeine neben der Landwirtschaft aufbauen können: Das sind praktische Beispiele dafür, wie Menschen es schaffen von "ihrer Bahre" aufzustehen. Damit dies gelingt, ist es notwendig, sie aus Abhängigkeiten zu befreien, ihre Ressourcen zu stärken und sie zu befähigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Dr. Gunter Volz, Frankfurt am Main
Sonntags-Christen, gerechte Teilhabe und Hoffnungsbilder …
Dr. Volz
(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B       7. Sonntag im Jahreskreis | 19.02.12
Estomihi


evang. Reihe IV:
Am 5, 21-24
kath. 1. Lesung:
Jes 43, 18-19.21-22.24b-25
kath. 2. Lesung:
2 Kor 1, 18-22
kath. Evangelium:
Mk 2, 1-12