Die Autorin betrachtet alle Predigtperikopen. Stichworte zur Nachhaltigkeit: bei allen Misserfolgen auch das Erreichte kennen (2 Kor 11); Ausgrenzung ist nicht das Mittel der Wahl (Lev 13); anecken ohne Ellbogenmentalität (1 Kor 10); den Weg überdenken, hinterfragen und konsequent handeln (Mk 1)
Sexagesimae

Wir befinden uns mitten in der Hochsaison der närrischen Tage. Ausgelassenheit heißt das Motto, Freude und Spaß gehören dazu. In allen Büttenreden und der erlaubten Veralberung der Politik schwingt immer die Wahrheit mit, dass nicht alles in Ordnung ist. Der Karneval oder die Fasnacht bieten bei allem vordergründigen Frohsinn eine gute Gelegenheit, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten und mit dem Finger auf gravierende Missstände hinzuweisen. Manche Kritik ist nur verkleidet, aber manchmal genauso wirkungsvoll. Wie sagt der Volksmund? "Kinder und Narren sagen die Wahrheit!"

2. Korinther 11, 18.23b30; 12, 1-10

Der Predigttext der evangelischen Predigtreihe ist ausgerechnet der "Narrenrede" des Apostels Paulus entnommen. Paulus verteidigt sich in Form einer antiken Narrenrede. Nicht, indem er auf seine Leistungen hinweist und von großen Abenteuern berichtet, sondern indem er von seinen Niederlagen als Apostel erzählt. Aber genau das ist die Selbstrühmung, auf die er vordergründig verzichten will. Weil die Gemeinde in Korinth von vielen falschen Aposteln heimgesucht wird, muss Paulus zu diesem Mittel der "Selbstrühmung" greifen, was ihm von seinem Grundsatz "allein durch Rechtfertigung aus Gnade wird man gerecht" scheinbar abbringt. Deshalb ist dieser Abschnitt aus dem 2. Korintherbrief, über den zu predigen ist, von feiner Ironie durchzogen.

Aus dem Text ergeben sich folgende Möglichkeiten, über die Nachhaltigkeit der eigenen Handlungen nachzudenken.

In dem Bemühen, sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung einzusetzen, gibt es immer wieder Rückschläge, die einen an den Rand der Verzweiflung bringen, und die die eigenen Grenzen aufzeigen. In solchen Situationen ist es sinnvoll, darauf zu schauen, was wurde bisher erreicht und mit welchen (friedlichen) Mitteln. Also genau das zu tun, was der Apostel Paulus in der Aufzählung seiner Leiden auch intendiert. Wie viele Niederlagen hat er einstecken müssen, wie viel an körperlichem Einsatz hat er erbracht, um das Evangelium in die Welt hinaus zu tragen! Wir wissen heute, dass es sich gelohnt hat, weil wir die Erfahrung einer langen ( Kirchen-) Geschichte haben. In seinem Fall (Paulus) merkt man seine Unsicherheit und seine Fragen, die letztendlich einem tiefgründigen Gottvertrauen Platz machen. In diesen Erfahrungen der Niederlagen spiegelt sich die Niederlage Gottes am Kreuz wieder, für alle sichtbar ist Jesus gestorben, Gott hat aber das letzte Wort, und in dem Auferstandenen besiegt er die todbringenden Kräfte dieser Welt. Das ist auch ein Hinweis auf die bald beginnende Passionszeit. Der alles entscheidende Satz ist der: "Lass dir an meiner Gnade genügen, meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."

Wenn man die Bemühungen und den Kampf weltweit für eine Gerechtigkeit für die Menschheit und die Umwelt anschaut, dann können auch trotz vieler Niederlagen und langen Durststrecken Erfolge verzeichnet werden, die genauso mit hohem persönlichem Einsatz ähnlich wie bei Paulus erreicht wurden. In diesen Tagen1 rückt z. B. ein Ausstieg aus der Kernenergieversorgung in Deutschland in greifbare Nähe. Wer hätte das vor 10 Jahren gedacht?

Ein Blick auf die Vergangenheit kann helfen, die Tore der Zukunft zu öffnen. Ein Blick auf die Ereignisse in der Vergangenheit kann Mut machen für die Gegenwart, um dann zu handeln. Ein Blick auf Gottes Strategie kann uns auch eine neue Sicht auf Niederlagen ermöglichen.

Leviticus 13, 1-2.43ac,44ab.45-46

Dieser Text stellt den Prediger/ die Predigerin vor eine große Herausforderung. Im mosaischen Gesetz soll der Priester Menschen mit Anzeichen von Aussatz aus der Menge der Gesunden aussondern. Die Aussätzigen sind gezwungen, als Vagabundierende zu leben, in zerrissenen Kleidern und mit lautem Rufen auf sich aufmerksam zu machen. In diesem Fall ist es angebracht, gegen den Text zu predigen, denn was ist das für eine Welt, die kranke Menschen aussondert und sich selbst überlässt?

Im alten Testament gab es in der Vorstellung der Menschen die Verbindung von Sünde und Krankheit. Krankheit wurde als Strafe Gottes verstanden. Heute hat sich diese Vorstellung in vielen Ländern dieser Welt dank des medizinischen Fortschrittes gewandelt. Trotzdem gibt es immer noch viele Orte auf unserem Planeten, wo genau die Aussonderung von kranken Menschen praktiziert wird. Ein Blick in das neue Testament und auf Jesu Umgang mit Krankheit und Sünde kann helfen, ein gerechtes Verständnis für den Umgang mit kranken Menschen zu erlangen.

1 Kor 10, 31 - 11, 1

Bei niemandem Anstoß erregen. "Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann". Wer ist nicht schon in dem Bemühen angeeckt, diese Welt ein bisschen gerechter zu gestalten! Sicherlich, wenn ich in diesem Text die gewaltsame Überzeugung von Menschen durch andere sehe, dann muss ich Paulus Recht geben. In diesem Sinne darf es keinen Stein des Anstoßes geben. Bei aller Dringlichkeit, sich für den Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen, soll das nur mit friedlichen Mitteln geschehen. Ich betrachte diesen Text auch als eine Absage an alle potentiellen Steinwerfer auf beiden Seiten (bei allem Verständnis für die Enttäuschung der Menschen), die mit ihren Aktionen die Glaubwürdigkeit eines friedlichen Engagement für unsere Zukunft aufs Spiel setzen. Paulus verweist mit Recht und in aller Deutlichkeit auf sein großes Vorbild: Jesus Christus. Er handelte, ging seinen Weg ohne Gewalt bis an das Kreuz.

Mk 1, 12-15

"Die Zeit ist erfüllt. Kehrt um, glaubt an das Evangelium," sagt Jesus. Zuvor wird erwähnt, dass "Jesus 40 Tage in die Wüste geführt wurde und er lebte friedlich mit den wilden Tieren und die Engel dienten ihm". Welch paradiesische Zustände in der Wüste! Jesus kann mit Gottes Schöpfung im Einklang leben. Die Frage taucht berechtigterweise auf: Und wir Menschen?

"Kehrt um", ruft uns Jesus zu, lasst ab von den falschen Wegen, die euch und die Welt zerstören, glaubt an die befreiende Botschaft des Evangeliums. In diesem Zusammenhang ist der Ursprung des griechischen Wortes für Umkehr erhellend: Metanoia bedeutet soviel wie "überdenken". Am Anfang einer Veränderung steht die Bereitschaft, den eigenen Lebensweg zu hinterfragen.

Was trägt zu einem erfüllten Leben bei und was zerstört mich und meine Beziehungen zu den Menschen und der Schöpfung? Anhand dieser Ausführungen kann den Menschen am Vorabend der Passionszeit eine Überlegung mit auf den Weg geben werden: Was passiert, wenn ich meinen bisherigen Standpunkt verlasse und andere, bessere Wege gehe?

Der Zeitpunkt, des Kairos ist für jeden Menschen individuell, aber für die Schöpfung ist es zwei Minuten vor 12 Uhr!
Elke Wedler-Krüger


1) Anm.: Die Predigtanregung wurde Mitte des Jahres 2011 verfasst.
Vom Umgang mit Niederlagen, Wahrheiten und Grenzen …
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B       6. Sonntag im Jahreskreis | 12.02.12
Sexagesimae


evang. Reihe IV:
2 Kor (11, 18.23b-30); 12, 1-10
kath. 1. Lesung:
Lev 13, 1-2.43ac.44ab.45-46
kath. 2. Lesung:
1 Kor 10, 31 - 11, 1
kath. Evangelium:
Mk 1, 40-45