Der Autor betrachtet alle Predigtperikopen des Sonntags, die er in einem inneren Zusammenhang sieht. Zentrales Stichwort zur Nachhaltigkeit ist das Bewahren und Schaffen lebensbejahender Ordnungen / Systeme und ihr Verteidigen gegenüber den feindlichen Mächten.
Die in ihrer Art sehr unterschiedlichen Texte für diesen Sonntag der Vorpassionszeit, ein Prophetenspruch, ein Ausschnitt aus einer Weisheitsrede, ein Briefabschnitt und eine Sammlung von Heilungsgeschichten lassen einen inneren Zusammenhang erkennen, der einen wichtigen Aspekt von Nachhaltigkeit thematisiert: die Bedeutung von stabilen Systemen für die Bewahrung des Lebens. Stabile Systeme haben zwei Kennzeichen. Zum einen sind sie nach außen begrenzt und zum anderen wird ihr inneres Gleichgewicht durch Regeln und Gesetze begründet. Instabilitäten treten auf, wenn die äußeren Grenzen oder die innere Ordnung verletzt wird. Die Bibel kennt zwei Bedrohungen der Stabilität der lebensdienlichen Ordnung, Widergöttliche, dämonische Mächte des Chaos, die Gott in seinem ordnungstiftenen Schöpfungshandeln aus der Schöpfung ausgrenzt, die aber dennoch immer wieder in seine Welt eindringen. Die andere Bedrohung sind die Menschen, die die göttlichen Regeln des Zusammenlebens immer wieder verletzten und so Unheil heraufbeschwören. Jeremia warnt diejenigen, die ihren Platz in der Schöpfung nicht akzeptieren, Ijob befasst sich mit denen, die Gott und seiner Ordnung Ungerechtigkeit vorwerfen, Paulus thematisiert den Zusammenhang von Vertrauen auf Gottes lebensdienliches Handeln und der persönlichen Lebensführung. Markus erzählt von Jesus, der die Bedrohung durch dämonische Chaosmächte abwehrt.

Jeremia 9, 22-23

Der prägnant und dicht formulierte Prophetenspruch, der von vielen Exegeten Jeremia persönlich zugeschrieben wird, ist eine besonders für Jeremia, aber auch für das Alte Testament insgesamt exemplarische anthropologische Grundaussage.

Wenn der Mensch meint, sein Lebenserfolg beruhe auf seiner eigenen Leistungsfähigkeit, auf Weisheit und Wissen, Geld und Reichtum, Stärke und Macht, verkennt er in seinem Selbstruhm die kreatürliche Begrenztheit seines Daseins und seiner Fähigkeiten. Wer aber seinen kreatürlichen Ort nicht akzeptiert, auf Allmacht, Allwissenheit und dagobertinischen Reichtum setzt, dem wird Gott letzten Endes seine Grenzen aufzeigen. Der Turmbau zu Babel ist eine solche Geschichte von der Hybris der Menschen, die Gott um der Schöpfungsordnung willen nicht zulassen kann. Denn er hat die Erde, seine Schöpfung mit allem was darauf lebt, dem Menschen nicht ausgeliefert, sondern anvertraut. Er hat sie mit einer Ordnung versehen, deren Achtung er dem Menschen einschärft. Das ist der Inhalt der Erzählung vom Baum der Erkenntnis im Paradies. Trotzdem zieht sich die Verletzung der göttlichen Ordnung wie ein roter Faden durch die Erzählungen und Berichte der Geschichtsbücher, durch die Mahnworte der Propheten und ihre Ankündigung eines letzten Gerichts, in dem dann die Gerechtigkeit Gottes endgültig zur Geltung gebracht werden soll.

Jeremia bleibt jedoch nicht bei der Aufdeckung menschlicher Selbstüberschätzung stehen, sondern er formuliert im zweiten Teil dieses Wortes die positiven Bedingungen für eine gelingendes menschliches Leben und Zusammenleben. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass nur Gott Gott ist und der Mensch seine begrenzte Kreatur. Menschliche Gemeinschaft kann gelingen, wenn drei Grundsätze in ihr erfüllt werden: Barmherzigkeit, hebr. häsäd wörtlich: wohl-wollen, Recht, hebr. mischpath wörtlich: Rechtswahrung, Gerechtigkeit hebr. zedakah wörtlich: gemeinschaftstreues Verhalten.

Sieht man diese göttlichen Forderungen in Zusammenhang mit der kritischen Konnotation von Reichtum, Weisheit und Stärke im ersten Teil des Prophetenwortes, wird deutlich, dass die dahinter stehenden anthropologischen Vorstellungen durchaus differenziert sind. Jeremia spricht zu den Eliten seines Volkes in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Sie haben aufgrund ihrer Möglichkeiten und ihres Einflusses eine besondere Verantwortung für das Zusammenleben der Menschen untereinander, aber auch im Gesamtzusammenhang der Schöpfung mit ihren ökologischen Systemen.

Ijob 7, 1-4.6-7

Das Ijobbuch ist bekanntlich die Kombination einer Rahmenerzählung vom Unglück und Glück mit einem weisheitlichen Disput zwischen Ijob, der allen Reichtum und alle Kinder verloren hat, und seine Freunden Elifas, Bildad und Zofar (Kap2,11). Elihu (Kap 32ff) schließt den Kreis der Weisheitsredner. Thema dieser Debatten ist die Frage, ob Hiob zurecht leidet, d.h. ob erkennbar ist, dass Gott Glück und Unglück gerecht austeilt.In der weisheitlichen Literatur der Bibel wird regelmäßig über den Zusammenhang zwischen einem Leben nach den Ordnungen und Regeln Gottes und einem gelingenden Leben nach gedacht. Im Schicksal Ijobs, des Fromen wird eine kurzschlüssige Verbindung zwischen Frömmigkeit und Lebenserfolg kritisch beleuchtet, ohne dass die weisheitliche Grundbotschaft aufgegeben wird. Sie lautet, die Ordnung der Schöpfung und die Regeln für das Leben und Zusammenleben sind Gottes gute Gabe, auch ihre Missachtung, selbst der scheinbare Erfolg derer, die die Regeln brechen, ist kein Argument gegen ihre lebensdienliche Kraft.

In seiner ersten Antwort auf Elifas (Kap 6 ff) nimmt Ijob das Thema der menschlichen Begrenztheit auf, allerdings eher in einer depressiven Zuspitzung. Das menschliche Leben ist nur sinnlose Betriebsamkeit ohne Hoffnung und Ziel.

Die zentrale Botschaft dieses Weisheitsbuches lautet aber: Nicht das unendliche Erforschen der vermuteten Gesetze eines gelingenden Lebens und ihre Beherrschung, nicht das Vertrauen auf menschliche Weisheit, sondern die Anerkennung der Souveränität Gottes, und die Ehrfurcht vor ihm und seinem Werk, Vertrauen auf seine Liebe zum Leben ist die dem Menschen angemessene Lebenshaltung.

1 Kor 9, 16-19.22-23

Im 9. Kapitel thematisiert Paulus anhand der Frage, ob ein Apostel aufgrund seines Amtes einen Anspruch auf Lohn von der Gemeinde hat, den Zusammenhang zwischen Glauben und Lebensführung.

Dabei wirft er seinen Gegnern in Korinth vor, dass sie das Evangelium aus eigenem Entschluss verkündigen und deshalb den Anspruch auf Entlohnung verteidigen. Demgegenüber gründet sich seine Apostelschaft nicht auf eigenen Entschluss, sondern auf den Zwang, den das Evangelium auf ihn ausübt.Das für die Gemeinde erkennbare Kennzeichen dieser Knechtschaft im Evangelium ist die unentgeltliche Verkündigung durch ihn.

An anderer Stelle wird Paulus darauf hinweisen, dass zum glaubenstiftenden Evangelium die Hoffnung auf Erlösung zählt, die die gesamte Schöpfung miteinschließt. Dieser Glaube wird nicht ohne Einfluss auf die Lebensführung bleiben.

Mk 1, 29-39

Im antiken Weltbild wird die Ursache von körperlichen und seelischen Krankheiten in der Störung der Lebensordnung durch lebensfeindliche Mächte gesehen. Wer diese lebensfeindlichen Mächte, die man sich durchaus auch als sichtbare und hörbare Dämonen vorstellt, beherrschen kann, der ist in der Lage, von Krankheiten aller Art zu befreien, ja sogar den Tod zu besiegen. Heilung und Exorzismen sind deshalb die zwei Seiten der gleichen Kraft, die man Jesus dem göttlichen Mann zuschreibt. Er stellt als Liebhaber des Lebens die lebensdienliche Ordnung in umfassenden Sinn wieder her und unterstreicht durch diese erkennbare Zeichen seine Botschaft von Gott, dessen Reich der Liebe und Lebensfreundlichkeit nahe herbeigekommen ist. Er ruft die Menschen auf, zu diesem Reich umzukehren und ihm auf dem Weg dorthin nachzufolgen.
Gottfried Müller
Nachhaltigkeit: stabile Systeme zur Bewahrung des Lebens …
G. Müller
(© Wikimedia Commons/Plenz)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B       5. Sonntag im Jahreskreis | 5.02.12
Septuagesimae


evang. Reihe IV:
Jer 9, 22-23
kath. 1. Lesung:
Ijob 7, 1-4.6-7
kath. 2. Lesung:
1 Kor 9, 16-19.22-23
kath. Evangelium:
Mk 1, 29-39