Die Autorin betrachtet alle Bibeltexte des Sonntags. Stichworte zu Nachhaltigkeit: Das Wort Gottes wirkt lebensfördernd. Gottes Gerechtigkeit als eschatologische Zusage für diejenigen, die Gottes Wort wie Propheten verkündigen. Aufruf zu absolutem Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes. Jesus als wirkmächtiger Verkünder der Königsherrschaft Gottes in Wort und Tat. Endgültige Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Endgültige, universale Heilsbedeutsamkeit der Auferstehung Jesu. Aufforderung zu ungeteilter Nachfolge Jesu und zum Zeugnis für Jesus Christus.
Offb 1, 9-18

Einführung zur Offenbarung des Johannes:
Selbst wenn der Verfasser der Offenbarung des Johannes gleich zu Beginn seinen Namen "Johannes" (Offb 1,1) nennt, verweist der Text darauf, dass der eigentliche Autor letztlich Gott ist. Denn die Offenbarung geht laut Offb 1,1 auf Jesus Christus und über ihn auf Gott selbst zurück. Der "Knecht Johannes" dient lediglich als Übermittler dieser Offenbarung.

Als Adressaten der Johannesoffenbarung werden in Offb 1,4 "die sieben Gemeinden in der Provinz Asien" genannt, die dann in Offb 1,11 aufgezählt werden. Die Gemeinden sind offensichtlich großen Bedrängnissen von innen und außen ausgesetzt: Von innen gefährden sie Irrlehrer (vgl. z.B. Offb 2,14.20ff; 15,20), von außen leiden sie unter Anfeindungen von Seiten der Juden (Offb 2,9f; 3,9) und vor allem unter Bedrängnis durch die steigende Propagierung des Kaiserkultes (Offb 13). Es handelt sich wohl um die Herrschaft von Kaiser Domitian (81-96), unter der es zwar keine allgemeine Christenverfolgung, aber dennoch zeitweise und regionale Verfolgungssituationen und Martyrien gab. Diese Gemeindesituation lässt auf eine Abfassungszeit der Offenbarung gegen Ende des 1. Jh. schließen.

Für das Verständnis der Offenbarung des Johannes und einzelner Texte aus ihr ist es weiterhin hilfreich zu bedenken, dass sie sich der Gattung "Apokalypse" zuordnen lässt, die folgendermaßen charakterisiert werden kann (vgl. "Genre-Group" der Society of Biblical Literature unter J.J. Collins): Bei einer Apokalypse handelt es sich um Offenbarungsliteratur mit erzählerischem Rahmen. Darin erfolgt eine Offenbarung durch ein himmlisches Wesen an einen menschlichen Empfänger. Offenbart wird eine außerweltliche, transzendente Realität, die sich einerseits auf die Zeit bezieht und dabei von endzeitlicher Rettung spricht, andererseits auch räumliche Dimensionen hat, da sie von einer anderen übernatürlichen Welt spricht. Wichtig dabei ist vor allem die Beobachtung, dass Apokalypsen weniger von der Beschreibung der Endzeit bestimmt sind. Entscheidend ist vielmehr besonders das Element der Offenbarung von Einsichten, die nur aus der Transzendenz erfahrbar sind. Dabei ist aber immer ein Immanenzbezug vorhanden, insofern die transzendente Realität mit ihrer zeitlichen und räumlichen Dimension eine Art Gegenwelt zur immanenten Welt darstellt. Einige dieser Aspekte prägen auch Offb 1,9-18.

Erklärungen zu Offb 1, 9-18
Diese Verse bilden einen großen Teil der so genannten Beauftragungsvision Offb 1,9-20, mit der das gesamte Buch der Offenbarung des Johannes eröffnet wird. Aus dem dichten Text, der ohne seine kontextuelle Verflechtung in der Johannesoffenbarung und seine Bezüge zu alttestamentlichen Texten kaum verständlich ist, können hier nur folgende zentrale Aspekte skizziert werden.

1) Das Bild des Sehers Johannes: Indem Johannes sich selbst "euer Bruder" nennt, betont er seine Nähe zu seinen Hörern/Lesern. Diese Nähe gründet in der Bedrängnis, in der Teilhabe an der Königsherrschaft (Gottes) und im standhaften Ausharren in Jesus (V 9). Insofern genau diesem so charakterisierten Johannes - "vom Geist" ergriffen (V 10) - die nun folgende Christusvision zuteil wird, zeigt sich zum einen, dass die Teilhabe an der Königsherrschaft, also der zentralen Botschaft Jesu, und das Ausharren in Jesus "nachhaltig" sind. Denn die Christusvision stellt offensichtlich eine besondere Beziehung und Nähe des Johannes zu Jesus Christus vor Augen. Vor diesem Hintergrund wird zum anderen die wie auch immer geartete Bedrängnis (sie kann sogar mit dem Ausharren in Jesus zutun haben, worauf die Information über den Aufenthalt auf Patmos "wegen des Wortes Gottes und des Zeugnisses für Jesus" hinweist) relativiert, weil sie dem Seher offenbar nichts anhaben kann und seine Christusbeziehung nicht schmälert. Die Gestalt des Johannes kann also als Beispiel für die Nachhaltigkeit des Glaubens und Vertrauens auf Jesus Christus - auch in Bedrängnis - verstanden werden.

Diese Nachhaltigkeit ist eng verbunden mit einem Auftrag, denn Johannes wird befohlen aufzuschreiben, was er sieht und an die sieben Gemeinden in Kleinasien, die für die gesamte Kirche stehen können, zu schicken (V 11). Letztendlich geht es darum, die selbst erfahrene Christusnähe universal zu verkündigen und zu bezeugen, auch uns Lesern gegenüber. Da Johannes zum einen mit besonderer Gottes- bzw. Christusnähe (vom Geist ergriffen) dargestellt wird, zum anderen zur Übermittlung seiner Christuserfahrung beauftragt wird, entsteht insgesamt das Bild einer prophetischen Mittlergestalt.

Welchen Inhalt hat nun also die Vision, die Johannes universal verkündigen soll?

2) Offenbarung Gottes in Jesus Christus: Im Zentrum steht die Gestalt dessen, der einem Menschensohn ähnlich ist (V 13). Diese vorsichtige Rede vom Menschensohn (in Anlehnung an Dan 7,13) verweist auf den Auferstandenen, der zu Gott erhöht wurde und häufig die Funktion einer Richtergestalt im Rahmen des Endgerichtes hat.

Beschrieben wird dieser Menschensohnähnliche in V 13-15 mit diversen Attributen, die seinen himmlischen Glanz in Anlehnung an Darstellungen von Engeln, Königen und Hohepriestern (vgl. Dan 10,5-6; Ez 1,26ff. u.a.) betonen und sogar auf Ähnlichkeiten mit Gott hinweisen (vgl. das weiße Haar in V 14, das sonst nur in Dan 7,9 von Gott berichtet wird). Auf diese Weise werden die gottgleiche machtvolle Stellung des Menschensohnähnlichen und seine Mittlerrolle hervorgehoben. Außerdem wird deutlich, dass sich Gott bleibend in Christus offenbart.

Die Offenbarung Gottes in Christus und die Mittlerfunktion Christi zeigt sich weiterhin in V 16. Die sieben Sterne in der Rechten des Menschensohnähnlichen verweisen nämlich darauf, dass dieser die sieben Gemeinden unter seinen mächtigen Schutz stellt (die Rechte Gottes ist im Alten Testament Symbol für die Macht/Kraft Gottes). Das zweischneidige Schwert, das aus dem Mund des Menschensohnähnlichen kommt, ist ein Gerichtssymbol und deutet auf seine Bereitschaft hin, die Feinde der Gemeinden zu bestrafen. So wird in Aussicht gestellt, dass im Auferstandenen die Macht und Gerechtigkeit Gottes, die Schutz oder Strafe bedeuten kann (je nach Position zu ihm), bleibend, end-gültig wirksam sind.

Inwiefern Gott in Jesus Christus wirkt und welche Bedeutung diese Offenbarung Gottes hat, wird nicht nur in der Reaktion des Johannes (V 17) deutlich, sondern vor allem in den Worten des Menschensohnähnlichen. Nach der beschwichtigenden Aufforderung "Fürchte Dich nicht", die in alttestamentlichen Theophanien häufig vorkommt (Ex 20,20; Ri 6,23; Dan 10,12 u.v.m.), stellt sich der Auferstandene vor allem mit zwei Selbstprädikationen, eingeführt mit "Ich-bin-Worten" (evgw, eivmi,), vor, womit seine Gottähnlichkeit unterstrichen und inhaltlich gefüllt wird:
  1. "Ich bin der Erste und der Letzte" (V 17) stimmt sachlich mit der Selbstaussage Gottes in Offb 1,8 "ich bin das A und das O" überein. Indem nun die erste Aussage Christi diesen Gottestitel für sich verwendet, wird dessen Gottgleichheit betont.
  2. "[ich bin] der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit" (V 18): Die Bezeichnung "der Lebendige in alle Ewigkeit" wird in der Offenbarung des Johannes ebenfalls auf Gott bezogen (vgl. Offb 4,9 u.a.) und auch in anderen neutestamentlichen Texten wird Gott als der Lebendige bezeichnet (vgl. Röm 9,26; Mt 16,16; Offb 7,2). An dieser Stelle weist diese Prädikation auf die Auferstehung Jesu hin, was durch die Erklärung "ich war tot, doch nun lebe ich" umso deutlicher wird. Demnach wird die Auferstehung nicht als einmaliges Geschehen, sondern als ein ewig wirksames vorgestellt, das den neuen Status Christi auf Dauer manifestiert. Dies untermauert die Aussage "ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt", die darauf hinweist, dass der Auferstandene Macht über den Tod hat und auch für die Seinigen die Todesmacht außer Kraft gesetzt hat. Er ist fähig, endgültiges Heil zu schenken.
So wird in dieser ersten Selbstoffenbarung die soteriologische Funktion Christi betont und deutlich, dass sein Tod und seine Auferstehung endgültige Wirkung haben.

Stichpunktartige Anregungen für eine Predigt zu Offb 1, 9-18
  • Johannes als positives Beispiel für beständiges Festhalten am Wort Gottes und Zeugnis für Jesus Christus - auch in Situationen der Anfechtungen und der Bedrängnis. Dies wirkt sich bei ihm in einer bleibenden Gottes- und Christusnähe aus.
  • Gott offenbart sich nachhaltig in Jesus Christus: Was in den verschiedensten neutestamentlichen Texten auf unterschiedliche Weise verkündet wird, wird auch hier gleichsam vor Augen gestellt und auch für die Zukunft und Endzeit verheißen. Besonders wird dabei die nachhaltige Heilsbedeutung von Tod und Auferstehung Jesu betont.
  • Aufruf zur unbedingten Christusnachfolge, die nachhaltig (endzeitlich) von Gott bzw. dem Auferstandenen honoriert wird.

    Dtn 18, 15-20

    Einführung zum Buch Deuteronomium
    Das Buch Deuteronomium schließt den Erzählbogen des Pentateuch ab und präsentiert sich als Erzählung der Ereignisse vor dem Tod des Mose, eventuell sogar direkt an seinem Todestag (Dtn 1,3; 32,48). Fast ausschließlich beinhaltet der Text eine Sammlung von Reden des Mose, gewissermaßen seine "Abschiedsreden" oder sein "Testament". Da das Deuteronomium das Verständnis des Rechts, der Geschichte und der Prophetie Israels maßgeblich bestimmt hat, wird es oft als "Mitte des Alten Testaments" bezeichnet.

    Insgesamt zeigt das Buch Deuteronomium eine grobe Zweiteilung: Die Kapitel 1-11 erzählen die Sinaigeschichte und den Weg Israels vom Sinai bis nach Moab (d.h. bis in die Erzählgegenwart: die Situation vor dem Einzug ins verheißene Land) und reflektieren diese Geschichte zugleich theologisch. In Kapitel 12-28 findet sich eine Gesetzessammlung, die wiederum in zwei Abschnitte untergliedert werden kann: Zuerst werden die Gesetze, die in naher Verbindung mit dem Kultzentralisationsgesetz stehen, behandelt (Dtn 12,1-19,13) - hier ordnet sich also auch der Text der Lesung Dtn 18,15-20 ein -, daraufhin erfolgt die Gesetzgebung über Israels Leben in den "neuen" Umgebungen (Dtn 19,14-25,19).

    Erklärungen zu Dtn 18, 15-20
    Dtn 18,15-20 ist ein Teil des Prophetengesetzes (Dtn 18,9-22) und zählt somit näherhin zu den Gesetzen über die Amtsträger in Israel: Richter und Listenführer, der König, Priester und schließlich Propheten, die JHWH "erstehen lassen" wird (Dtn 18,15.18). Deutlich ist, dass die menschliche Einwirkung bei der Einsetzung der genannten Ämter zugunsten einer alleinigen Verfügungsgewalt JHWHs immer stärker zurücktritt. Propheten bilden also die Klimax dieser Ämterreihe. Das Prophetengesetz beginnt mit einer negativen Abgrenzung von den mantischen Praktiken der Nationen, die vorher in Kanaan wohnten (Dtn 18,9-14). Erst vor diesem Hintergrund setzt in V 15 die positive Bestimmung für Israel ein.

    Bereits die Formulierung, die aus dem hebräischen Text hervorgeht: "einen Propheten … wird dir der Herr, dein Gott, … je und je erstehen lassen", qualifiziert das Prophetenamt als eines in Kontinuität, das auf Fortdauer angelegt ist. Was mit dem Prophetenamt verbunden und daher fortdauernd ist, hängt eng mit den Merkmalen zusammen, die den hier beschriebenen Propheten charakterisieren:

    Es ist ein Prophet "wie Mose" (V 15.17): Mit Mose verknüpft der Leser nicht nur die Führung Israels aus Ägypten im Auftrag Gottes, sondern auch den Empfang der Gesetze am Sinai und deren Übermittlung an das Volk Israel. Mose als Prototyp des Propheten zeigt also, dass mit diesem Amt zum einen eine besondere Auserwählung und Beauftragung durch Gott, also auch eine besondere Gottesnähe verbunden ist, zum anderen eine Mittlerfunktion zwischen Gott und Volk Israel. Insbesondere die Verkündigung der Tora wie sie durch Mose am Sinai erfolgt, zählt zu den Funktionen eines Propheten "wie Mose". Durch den Rückbezug auf das Sinaiereignis (V 16-17) wird angedeutet, dass sowohl Tora als auch Prophetie aus ein und derselben Wurzel hervorgehen: der Offenbarung Gottes am Sinai. Demnach gewährt das Prophetenamt die nachhaltige Wirksamkeit des Sinaiereignisses, d.h. der Selbstoffenbarung Gottes und der Gabe der Tora.

    Die Mittlerfunktion eines Propheten wird außerdem durch das Merkmal des Propheten zum Ausdruck gebracht, er werde aus der Mitte Israels, "unter ihren Brüdern" erstehen (V 15). Damit zeichnet sich ein Prophet durch besondere Nähe zum Volk Israel aus, so dass seine Akzeptanz erleichtert wird. Zugleich zeigt sich daran, dass der von Gott erwählte Prophet potentiell jeder aus dem Volk sein kann, es keiner besonderen Abstammung oder Vorleistung bedarf.

    Durch den Propheten als Mittler Gottes soll die Nachhaltigkeit der Worte Gottes gewährleistet werden. Gott formuliert nämlich ausdrücklich das Vorhaben, seine Worte dem Propheten in den Mund zu legen, und die Aufgabe, dass dieser dem Volk alles sagen werde, was Gott ihm aufträgt. Der Prophet fungiert gewissermaßen als "Sprachrohr" Gottes, der selbst transzendent und unbegreiflich ist (vgl. auch V 16) und mithilfe seiner Mittler in und an der Geschichte wirkt.

    Die hohe Bedeutung "aller" Worte Gottes, die der Prophet übermitteln soll, wird auf zwei verschiedene Arten zum Ausdruck gebracht: Zunächst durch den Hörauftrag in V 15, der in der Ankündigung von V 19, Gott werde den zur Rechenschaft ziehen, der nicht auf die Prophetenworte hört, betont wird. Weiterhin wird die Bedeutsamkeit der Worte Gottes in V 20 unterstrichen, wo Gott die Todesstrafe für den Propheten ankündigt, der in Gottes Namen ein Wort verkündet, das er ihm nicht aufgetragen hat, oder der im Namen anderer Götter spricht. Auf diese Weise wird nicht nur die Autorität des Wortes Gottes, sondern auch dessen Priorität deutlich. Mit der Ankündigung der Rechenschaftsforderung und der Todesstrafe wird darüber hinaus darauf hingewiesen, dass Gottes Gerechtigkeit sich unwillkürlich auswirkt, je nach Haltung zu ihm und seinem Wort. Das Hören auf das Wort Gottes ist nämlich gewissermaßen ‚lebensfördernd', wie andere Texte ausdrücken (vgl. Dtn 4,1.40; 5,33; 30,15-20 u.v.m.).

    Stichpunktartige Anregungen für eine Predigt zu Dtn 18,15-18
  • Die hohe Bedeutung des Wortes Gottes (der Tora), das Leben fördert, steht im Zentrum.
  • Mit dem Wort Gottes ist ein doppelter Auftrag verbunden: (1) es soll (unverfälscht) verkündigt werden, (2) es soll gehört und gehorsam befolgt werden.
  • Mit diesen Aufgaben ist zugleich auch eine Verheißung verknüpft: ‚Ge-horsamkeit' gegenüber Gott uns seinem Wort führt dazu, dass sich Gottes Gerechtigkeit positiv, lebensfördernd auswirkt. Das wird hier allerdings am Negativbeispiel des Ungehorsams und der falschen Verkündigung mit ihren Konsequenzen der strafenden Gerechtigkeit ausgedrückt.
  • Aufgrund der Transzendenz Gottes wirken dieser und sein Wort in der Welt und ihrer Geschichte mithilfe von Propheten. Diese dienen als von Gott verheißene und beauftragte Mittler zwischen Gott und den Menschen. Wo gibt es heute solche "Sprachrohre" Gottes, in der eigenen Lebenswelt? Ergeht der Auftrag, als "Prophet" das Wort Gottes unverfälscht zu vermitteln, an jeden? Was kann im Auftrag, das Wort Gottes zu verkündigen konkret enthalten sein?
  • Hinweis auf Jesus, der in verschiedensten Texten des Neuen Testaments ebenfalls als Prophet dargestellt wird, sogar als Erfüllung der Verheißung von Dtn 18,15.18 (vgl. Apg 3,18-23).

    1 Kor 7, 32-35

    Einordnung in den Kontext
    Diese Verse stellen einen kleinen Ausschnitt aus der Behandlung der Fragen nach der Lebensführung in Korinth dar, die in 1 Kor 7 die Themen Ehe und Ehelosigkeit betreffen. Wichtig für das Verständnis dieses kurzen Textabschnitts ist, dass Paulus in 1 Kor 7 keine theoretische Abhandlung über Ehe bzw. Ehelosigkeit oder eine zeitlose Auffassung sexualethischer Probleme entwickelt, sondern zu konkreten Fragestellungen in Korinth Stellung nimmt. Paulus lässt seine eigene Sympathie für Ehelosigkeit deutlich erkennen, will diese aber nicht als normative Richtschnur für alle verstanden wissen. Das legt sich auch angesichts des weiteren Kontextes des Briefes nahe, in dem wiederholt eine Würdigung der verschiedenen Charismen der Gemeindemitglieder eine wichtige Rolle spielt (vgl. 1 Kor 7,7; 1 Kor 12-13).

    Die Verse 32-35 finden sich in dem Teil von Kapitel 7, in dem Paulus die Vorzüge der Ehelosigkeit am Beispiel der Verlobten würdigt (1 Kor 7,25-40). Nach einer Empfehlung der Ehelosigkeit (V 25-28) bringt er in V 29-35 verschiedene (eschatologische und christologische) Gründe dafür vor. Angesichts der Naherwartung der Parusie, stellt sich für Paulus die Frage, wie in dieser Gegenwart (richtig) zu leben sei (V 29-31). Er betont, dass die christliche Freiheit gerade in den tatsächlichen Lebens- und Weltbezügen zu realisieren ist, nicht daneben, man sich aber in der verbleibenden Zeit bis zur Parusie von der vergänglichen Welt nicht mehr einschnüren lassen muss. Der eigentliche Grund der christlichen Freiheit von der Welt sei nämlich der gegenwärtige und wiederkommende Herr, dem die Christen schon gehören.

    Erklärungen zu 1 Kor 7, 32-35
    In 1 Kor 7,32-35 interpretiert Paulus dann diese eschatologische Blickrichtung durch die Christologie als eigentlicher Motivation für die Bevorzugung der Ehelosigkeit. Dabei orientiert er seine Ausführungen vor allem am Motiv der Sorge bzw. Sorglosigkeit bezüglich der vergehenden Welt als Idealzustand für seine Adressaten.

    Der eigentliche Grund für die Präferenz der Ehelosigkeit ist laut V 32, dass der Unverheiratete sich ganz und gar auf den Herrn ausrichten kann, seine einzige Sorge der Herr ist, während der Verlobte bzw. Verheiratete auch um seine Ehe sowie seine Ehepartnerin bzw. seinen Ehepartner und damit auch um die Welt besorgt ist. Während der Verheiratete also "geteilt" ist (V 34), weil er sich nicht nur um den Herrn, sondern auch um weltliche Dinge kümmern muss, bleibt der Unverheiratete frei, sich allein auf seinen Herrn und dessen Sache zu konzentrieren.

    Abschließend weist Paulus darauf hin, dass seine Ratschläge niemanden einengen wollen, sondern auf ein unabgelenktes Freisein für den Herrn zielen (V 35).

    Stichpunktartige Anregungen für eine Predigt zu 1 Kor 7, 32-35
  • Was bedeutet christliche Freiheit in Bezug auf die realen Lebens- und Weltbezüge? Bei Überlegungen über diese Frage ist auch ein Leben nach den je unterschiedlichen Charismen mitzubedenken.
  • Aufforderung zu Freiheit von Sorge um Dinge der vergänglichen Welt und Freiheit für absolute (ungeteilte) Sorge um die Botschaft Jesu Christi.

    Mk 1, 21-28

    Diese Perikope ist Teil des größeren Abschnitts, der vom vollmächtigen Wirken Jesu vor dem Volk erzählt (Mk 1,16-3,12). Nach der Berufung der ersten Jünger in Mk 1,16-20 beginnt mit der vorliegenden Wundererzählung in Form eines Exorzismus die öffentliche Wirksamkeit Jesu. Dieser Erzählabschnitt des Markusevangeliums, der noch einige weitere Heilungsgeschichten sowie Streitgespräche enthält, hat ein besonderes Interesse zum einen am Thema Jüngerschaft, zum anderen an der in Jesus geschehenden Offenbarung (vgl. z.B. Mk 3,11f.). Dies zeigt sich auch in Mk 1,21-28, wo die Besonderheiten der Lehre Jesu in unterschiedlicher Weise geschildert werden.

    Schon die Notiz, Jesus lehre wie einer, der (göttliche) Vollmacht hat (V 22), impliziert, dass in Jesus Gott selbst wirkt, was auch die Reaktion der in der Synagoge anwesenden Menschen untermauert. Die Einheitsübersetzung spricht von "Betroffensein", aber wörtlich meint das Verb evkplh,ssw "aus der Fassung geraten", womit in anderen Texten auch die Wirkung eines schockierenden Wortes (Mk 10,26) oder einer machtvollen Tat (Mk 7,37) ausgedrückt wird. Selbst wenn über den Inhalt der Lehre Jesu an dieser Stelle nichts berichtet wird, kann dieser von Mk 1,14-15 her erschlossen werden, wo zusammenfassend das Zentrum der Lehre Jesu formuliert wird: die Verkündigung der nahe gekommenen Königsherrschaft Gottes.

    Dass diese Lehre Jesu maßgebliche Wirkung hat, zeigt sich nicht nur in dieser kurzen Notiz von V 22, sondern auch in der nun folgenden Exorzismuserzählung. Insofern Jesus hier einen Dämon, also das Böse, Lebensbedrohliche zurückdrängt und damit den Anbruch der Königsherrschaft Gottes bezeugt, wird die Lehre Jesu auch in einer Tat sichtbar und für den Geheilten sogar unmittelbar erfahrbar, denn er ist befreit von der Macht des bösen Geistes.

    Weiterhin deutet die Bezeichnung Jesu als "Heiliger Gottes" durch den unreinen Geist (V 24) an, dass in Jesus die Vollmacht Gottes wirkt. Im Neuen Testament wird Jesus nur noch in der lukanischen Parallele zu Mk 1,21-28 und im Bekenntnis des Petrus Joh 6,69 "Heiliger Gottes" genannt. Im Alten Testament erhält zunächst der Richter Samson diesen Titel (Ri 16,17 LXX) und "heilig" können weiterhin Mose (Weish 11,1), der Fromme (Ps 15,10 LXX) und das Volk Israel (Dtn 7,6; 14,2.21; 26,19 u.a.) genannt werden. Elischa heißt "heiliger Gottesmann" (2 Kön 4,9) und Elija "Mann Gottes" (1 Kön 17,18). Durch die Titulierung Jesu als "Heiliger Gottes" wird er also im Licht machtvoller Richter- und Prophetengestalten dargestellt, die Israel von den Feinden befreit, Wunder gewirkt und dem Monotheismus den Weg bereitet haben. So entsteht das Bild von Jesus als eschatologischer Prophet und Charismatiker. Seine besondere Nähe zu Gott bewirkt Jesu Vollmacht, die sich im nun folgenden Exorzismus offenbart.

    Dass in Jesus bleibend Gott wirksam ist, unterstreichen dann Einzelheiten der Exorzismuserzählung, wie etwa die Formulierung Jesus befiehlt bzw. "gebietet" (evpitima,w) dem Dämon zu schweigen (V 25). Da mit demselben Verb in der LXX das machtvolle Schelten JHWHs umschrieben wird, tritt Jesus hier an die Stelle JHWHs und schilt die böse Macht des Dämonen.

    Auch die Reaktion der Anwesenden, das Erschrecken (V 27), zeugt von der nachhaltigen Wirkung, die Jesu vollmächtiges Handeln hat. Es regt sie nämlich zur nachdenken Frage nach der Bedeutung dieser "neuen" Lehre in Vollmacht, die sich in der Tat an den unreinen Geistern manifestiert, an. Die Qualifizierung der Lehre Jesu als "neu" weist wohl auf ihre eschatologische Bedeutung hin, die sich in Jesu Befehlsgewalt über die unreinen Geister und in deren Gehorsam zeigt. Damit wird nämlich tatsächlich eine verbreitete eschatologische Erwartung durch den Heiligen Gottes eingelöst, denn der Bringer der Heilszeit soll die Macht des Bösen besiegen. Dies ist hier der Fall, denn laut Mk 1,21-28 beginnt sich die Königsherrschaft Gottes im Wirken Jesu zu realisieren - befreiend und umfassend "heilsam" für den Menschen in all seinen Lebensvollzügen. Mit diesem Beispiel, wie die Königsherrschaft Gottes anfanghaft verwirklicht ist, wird auch Hoffnung auf ihre vollkommene und "end-gültige" Verwirklichung möglich.

    Die nachhaltige Wirkung von Jesu vollmächtiger Lehre in Wort und Tat findet sich weiterhin in der abschließenden Verbreitungsnotiz (Mk 1,28). Letztlich wird hier von der Verkündigung der Lehre Jesu berichtet, so dass die Perikope auch als eine Missionsgeschichte verstanden werden kann. Nicht nur auf der Erzählebene des Textes verbreitet sich Jesu Ruf, sondern durch den Text erreicht dieser Ruf auch den Leser, der dadurch von der neuen Lehre erfährt. Insofern der Erzählabschnitt über das öffentliche Wirken Jesu vor dem Volk auch stark am Aspekt der Nachfolge und Jüngerschaft interessiert ist, kann in der Verbreitungsnotiz auch eine Art Aufforderung an den Leser liegen: Ähnlich wie die Anwesenden in der Synagoge darf auch der Leser "erschrecken" angesichts der "neuen" Lehre Jesu in göttlicher Vollmacht, über dessen Bedeutung nachdenken und die Idee davon weiterverbreiten.

    Stichpunktartige Anregungen für eine Predigt über Mk 1,21-28:
    Was bedeutet Jesu Botschaft von der nahe gekommenen Königsherrschaft Gottes?
  • Die Größe "Königsherrschaft" Gottes, die an sich etwas Unbegreifliches, Geheimnishaftes ist, wird hier metaphorisch veranschaulicht.
  • Böses wird vertrieben, der Mensch wird frei vom Bösen und somit frei für das Gute. Diese Freiheit wirkt sich darin aus, dass der Mensch umfassend "heil" leben kann - körperlich, geistig, seelisch und in seinen sozialen Bezügen.
  • Trotz dieser Ahnung von der Köngisherrschaft Gottes, bleibt ihre Geheimnishaftigkeit bewahrt, denn sie bewirkt "Erschrecken" und fragendes Nachdenken.
  • Diese Botschaft Jesu ist eine unbedingte Verheißung und eine Hoffnung gebende Zusage.
  • Zugleich ist darin ein Auftrag enthalten: sie in der Nachfolge Jesu in Wort und Tat zu verbreiten, evtl. im Alltäglichen das Böse zu vertreiben und zum Guten zu befreien, sich selbst und andere.
  • Dr. Heike Hötzinger
    Gottes Wort wirkt lebensfördernd
    Dr. Braun
    (© Wikimedia Commons)
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    Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B     4. Sonntag im Jahreskreis | 29.01.12
    letzter Sonntag nach Epiphanias


    evang. Reihe IV:
    Offb 1, 9-18
    kath. 1. Lesung:
    Dtn 18, 15-20
    kath. 2. Lesung:
    1 Kor 7, 32-35
    kath. Evangelium:
    Mk 1, 21-28