Der Verfasser betrachtet als Schwerpunkt die ev. Predigtperikope sowie die Bibelstelle zur kath. ersten Lesung. Stichworte zur Nachhaltigkeit: das Hoffen auf ein Wunder mit eigenem (politischen) Engagement sinnvoll verbinden, andere Sichtweisen und Ansätze zulassen (Gegenkultur), sich überraschen lassen (2 Kön 5); von der Angst zur Handlung, Bitterkeit überwinden (Jona 3)
Die Struktur der Wunder Gottes

Die eindrückliche Wundererzählung über die einzigartige Wirkungsmacht des Gottes aus Israel vollzieht mehrere Bewegungen: "Vom Aussatz zur Reinheit, vom Großen zum Kleinen, das ist die Bewegung."1) Die Sympathie, ja die Solidarität mit den einfachen Leuten prägt die Propheten der Königsbücher, Elia und Elisa: Alles fängt damit an, dass ein versklavtes Mädchen dem syrischen General den entscheidenden Tipp zur Heilung gibt. Sein Großmachtgehabe beeindruckt Elisa wenig. Der befehlsgewohnte Soldat kann Elisa nicht die Art seiner Heilung diktieren. Geld und Status spielen hier keine Rolle, im Gegenteil, sie werden bewusst negiert. Heilung ist auch keine Sache zwischen Königen, sondern zwischen dem Propheten als Bevollmächtigtem Gottes und dem General. Elisa zwingt ihn zu einem Reinigungsritual und damit unter das Zeitmaß des Feindes Israel (vgl. Lev. 14,1ff) - ja unter Gottes Zeitmaß. Naaman bekommt seinen Retter vor der Heilung nicht einmal zu Gesicht. Der "Mann gehobenen Antlitzes" (Übersetzung durch Buber) wird durch die Heilung wieder zum Knaben mit reiner Haut. Das heilende Wasser schließlich kommt nicht aus der Militärmacht, sondern aus dem Feindesland. Der Predigttext zeigt die Struktur der Wunder Gottes: Gott wirkt, das allein unterscheidet ihn von anderen Göttern und Götzen. SEINE Mission wirkt durch die Gaben einfacher Menschen, mit einfachen Mitteln ("nur" das Wasser des Jordans!) und in scharfem Kontrast zu militärischer und gesellschaftlicher Macht. Gott alleine findet das rechte Maß, in dem er Naaman Heilung schenkt und ihn dabei auf menschliche Maße zurückstutzt. Im Gegenprogramm bestraft er den Diener Gerasi, der aus der Zuwendung Gottes Kapital schlägt und maßlos wird.

Wunderheilung und Klimawandel?

Ich möchte über die Heilung des Generals nicht hinwegsehen. Aber was haben die sagenhaften Wunderheilungen eines Propheten aus dem damaligen kleinen syrischen Vasallenstaat Israel mit dem Thema "Nachhaltigkeit" dieses Predigtbandes zu tun? Jene, die den Klimawandel nicht ignorieren, warten nicht auf ein Wunder Gottes, damit sich der CO2-Ausschuss massiv reduziert, sondern wirken aktiv mit, dass durch handfeste gesellschaftspolitische Entscheidungen der Menschheit jeder Gast dieser Erde nur noch ein gewisses Maß an Kohlendioxid verbrauchen darf. Die Sehnsucht nach Wundern durch die Wirkungsmacht Gottes einerseits und die politische Aktion andererseits schließen sich für viele Christen in Mitteleuropa aus. Von Christinnen und Christen im Süden der Welt habe ich gelernt, dass Wunder und Heilungen Gottes Vorzeichen des Reiches Gottes sind, das von Gott her kommt - aber an dem wir selbstverständlich teilhaben und aktiv mitwirken. Vor einer OP in den Krankenhäusern Ghanas beten die Ärztinnen und Krankenschwestern um Heilung, aber lassen die Skalpelle darüber nicht fallen! Ich möchte Sie, Leserin und Leser daher mitnehmen nach Westafrika:
(Photo aus dem Buch von David A. Shrenk)


Der schwarze Elia
Denn die Erinnerung an die Heilung und Prophetie von Elia und Elisa sind im Laufe der Kirchengeschichte stets aktuell geblieben, besonders in Zeiten des gewaltvollen sozialen und religiösen Übergangs und der politischen Repression: 1913 beispielsweisemachte sich der Liberianer William Wadè Harris mit zwei Gefährtinnen barfuß auf den Weg in die Elfenbeinküste und nach Ghana, um in etwas mehr als einem Jahr an die 200 000 Menschen von der Wirkungsmacht Gottes zu überzeugen. Harris trug einen Bambusstab und eine mit Wasser gefüllte Kalebasse. Er lehnte westliche Kleidung ab, rief dazu auf, alle Fetische zu verbrennen, taufte, heilte mit Wasser, sandte Feuer und Regen vom Himmel. Er bezog sich auf die Königsbücher und die Offenbarung des Johannes und nannte sich selber den "schwarzen Elia". Die Kolonialmacht Frankreich (und mit ihr die katholische Kirche) fand sein Wirken zunehmend unheimlich, weil er die Massen mobilisierte, zur strikten Sonntagsruhe aufrief und nicht ihre, sondern ausschließlich Gottes Weisungen akzeptierte. So ließ sie Harris nach 14 Monaten Tätigkeit einsperren und nach Liberia zurück deportieren. Viele der unabhängigen afrikanischen Kirchen beziehen sich bis heute auf ihn als einen der größten Propheten Afrikas, eine dieser Kirchen nennt sich "West African Healing Water Society".2) Das Auftreten des schwarzen Elia war in Zeiten von Kolonialisierung und Rassismus die kreative Antwort und der Protest der unterdrückten Massen in Westafrika: "Diese von Afrikanern gegründeten Kirchen wurden zu einer systematischen Gegenkultur durch den Versuch, entfremdete Strukturen von Macht und Kontrolle umzuwandeln."3) Andere eigene kirchliche Antworten auf die Unabhängigkeit der Länder und auf die Globalisierung folgten. Mittlerweile sind die von Afrikanern gegründeten Kirchen, die sich auf Heilung und andere unmittelbare Gotteserfahrungen konzentrieren, mindestens so zahlreich wie die von Missionaren gegründeten Kirchen.

Kann das Auftreten eines schwarzen Propheten vor hundert Jahren, der wiederum Elia in seinem Wunderhandeln und Predigen - nachahmte oder vielmehr erfolgreich interpretierte, uns den Predigttext näher bringen? Dazu abschließend drei Punkte:

    1. Gegenkultur: Wie William Wadé Harris (und auch wie Elia in Samaria in Beziehung zu Syrien) leben wir in einer Übergangszeit. Die alten traditionellen wirtschaftlichen, finanziellen, politischen (und religiösen?) Systeme tragen die Menschheit nicht mehr, Neues ist nur in Umrissen in Sicht. Wie engagieren wir uns in den Kirchen Europas bei dem Aufbau einer "systematischen Gegenkultur", wie finden wir das rechte Maß im Bezug auf Schöpfung und Wirtschaft? Wir sind in Christus berufen, "heilende und versöhnende Gemeinschaften" zu sein, war das Motto auf der Weltmissionskonferenz des ÖRK 2005 in Athen. Hier geht es nicht um Vorzeigegemeinden, sog. "Leuchttürme", sondern Heilung und Versöhnung als missionarisches Paradigma lassen sich in jeder Gemeinde und ihrem Bezug zu Kommune und Gesellschaft durchbuchstabieren.
    2. "Ich meinte": Das rechte Maßhalten stößt sich ja in dem Predigttext vor allem an arroganten, sorglosen bis ignoranten Verhalten der Generals, der eben von seiner Heilung eine andere, scheinbar standesgemäßer Meinung hat ( "Ich meinte ….", heißt es in Vers 11): "Dies ‚ich meine' ist von allem Gewaltigen auf Erden das Gewaltigste, und, wo nicht von allem Argen das Ärgste, doch von allem Unglückseligen das Unglückseligste. Dies ‚ich meine' hat die Sünde und das Elend und den Tod in die Welt gebracht, und dies ‚ich meine' hält die Erlösung von der Sünde und dem Elende und dem Tode bei Tausenden auf; und diese Tausende, wenn sie denn in der Meinung gestorben sind, werden das künftige Leben in einer anderen Welt mit den Gedanken beginnen: ‚ich meinte - '."4) Sind wir jenseits unserer eigenen Meinungen, was nun im Angesicht der gewaltigen Krisen getan werden müsse, noch offen für die Struktur der Wunder Gottes, wie sie uns der Predigttext in Erinnerung ruft? Das israelitische Mädchen im Exil hat die Heilung des Generals angestoßen, kein Kirchenfunktionär. Wie geschieht Heilung und Versöhnung heute durch die Gaben der Menschen, die zu unserer Gemeinde gehören, mit einfachen Mitteln - und, das ist doch das Anstößigste in dem Predigttext, in scharfem Kontrast zu militärischer und gesellschaftlicher Macht?
    3. Heilung von Bitterkeit: Der westafrikanische Politiker Casely-Hayford berichtete als Zeitzeuge über Harris Auftreten: "Du kommst zu ihm mit einem Herzen, das mit Bitterkeit angefüllt ist, und wenn er sich Dir angenommen hat, ist die Bitterkeit aus der Seele verschwunden." Wie gelingt es uns in unseren Gemeinden, der Bitterkeit und dem Zynismus zu widerstehen, der viele Menschen mit Zukunftsängsten befallen hat? Warum verkünden wir manchmal so furchtbar zaghaft das heilende Handeln Gottes auch in unserer Gegenwart? Mir gefällt es gut, wie Christoph Stückelberger in seinem Buch über "Umwelt und Nachhaltigkeit" jede Leitlinie zu einem nachhaltigen Umgang mit der Schöpfung mit den einladenden Worten - und eben nicht mit einer Anklage! - beginnen lässt: "Du bist willkommen als Gast auf Erden."5) Kürzlich hat die Evang. Landeskirche in Württemberg auf diese Einladung Bezug genommen und 10 Leitlinien zum "Nachhaltig handeln in der Landeskirche" verabschiedet. Die erste Leitlinie betont als Präambel: "Wir glauben: Gott, der Schöpfer, wendet sich mit Liebe seiner ganzen Schöpfung zu und hat uns Menschen mit dieser Erde etwas Wunderbares anvertraut. Wir glauben: Menschen werden durch Jesus Christus von Selbstbefangenheit zur Freiheit erlöst. Wir glauben: Gottes Geist gibt uns Mut und Kraft, aktiv das Leben mit zu gestalten." Alles Weitere, wie z.B. in Leitlinie 3 "Wir treten für ein weltweit faires Wirtschaften ein", folgt daraus.6)
Aus den katholischen Lesungen für den Tag greife ich Jona 3, 1-5, 10 heraus.
Ich lese dort mit Erstaunen von der immensen Wirkung einer Gerichtspredigt, die diametral zu dem Focus meines dritten Punktes nicht auf "Willkommenheißen" und "Angenommensein" setzt: "Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott …." Hatten die städtischen Einwohnerinnen und Einwohner diese Bußpredigt geradezu herbeigesehnt nach der Devise: endlich sprach jemand einmal das Offensichtliche aus! Vielleicht lehrt uns der gewaltige Prediger Jona, dass klare Zeitansagen über den Klimawandel der ermutigenden Aktion nicht widersprechen. Die Bitterkeit verschwindet aus meiner Seele, wenn ich handlungsfähig werde.
Dr. Martin Frank

1) Ich beziehe mich im Folgenden besonders auf die Auslegung von 2. Könige 5 von Ton Veerkamp, "Die Vernich-tung des Baal", Stuttgart 1983, 201-212, hier 206.
2) Die aktuellste Arbeit über William Wadé Harris ist von David A. Shrenk, Prophet Harris, the ‚Black Elijah' of West Afrika", New York/ Köln 1994
3) Aus Allan Andersons Buch "African Reformation" von 2001, 26 (Übersetzung MF)
4) In den Göttinger Predigtmeditationen von 1953/54 wird dieser Teil einer Homilie von Gottfried Menkens von 1858 zitiert, 52. Ich verstehe diese ‚ich meine' hier als Arroganz und Ignoranz, nicht als Negation des eigenen Willens und Vermögens!
5) Christoph Stückelberger, "Umwelt und Entwicklung. Eine sozialethische Orientierung", Kohlhammer Verlag Stuttgart 1997. Seine Studie untersucht das "Maßhalten" in Naturwissenschaften, Ethik und Theologie.
6) www.nachhaltigkeit.elk-wue.de
Andere Sichtweise und Ansätze zulassen …

Dr. Frank
(© MEV)
zurück zur Übersicht (KJ 2011/12)

Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B     3. Sonntag im Jahreskreis | 22.01.12
3. Sonntag nach Epiphanias


evang. Reihe IV:
2 Kön 5, (1-8).9-15.(16-18).19a
kath. 1. Lesung:
Jona 3, 1 - 5.10
kath. 2. Lesung:
1 Kor 7, 29-31
kath. Evangelium:
Mk 1, 14-20