Vertiefend betrachtet wird der Text des kath. Evangeliums (Joh 1,35-42). Die Texte der kath. Leseordnung haben als gemeinsamen Schwerpunkt "Berufung". Das Thema Nachhaltigkeit wird in ihnen zwar nicht unmittelbar berührt, jedoch bieten sich Gedanken über eine "Berufung" zu den Aufgabenbereichen Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit etc. an. Stichworte zum kath. Evang.: Sehen - Urteilen - Handeln. Berufung zu Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, nachhaltigem Handeln.

Eine Fülle an guten Predigthinweisen zum Text der ev. Reihe IV gibt Gottfried Müller in dem 2005/2006 erschienenen Band der Reihe "nachhaltig predigen". Stichworte zum ev. Text: Weisheit, urteilen auch gegen den Augenschein, lebensdienliche Verhaltensweisen, Wissen und Bewertung von ökologischen Erkenntnissen. [MG]
Exegetische Bemerkungen

Die Perikope bildet laut Alois Stimpfle den ersten Teil der Erzähleinheit Joh 1,29-51, deren Thema die "Berufung" der ersten Jünger ist. Der zweite Teil dieses Geschehenskomplexes (1,43-51) bleibt in der Leseordnung unberücksichtigt. Deshalb wird innerhalb der liturgischen Verkündigung der Moment, in dem es im Johannesevangelium zur ersten konkreten Begegnung von Menschen mit Jesus kommt, auf den Abschnitt 1,39-42 fokussiert. Die damit verbundene Reduktion verleiht der Perikope einen paradigmatischen Stellenwert. Gerechtfertigt ist diese zentrierte Beispielhaftigkeit von der johannes-typischen Art her, in der die Erst-"Berufung" gestaltet ist. Auf dem Hintergrund der synoptischen Jüngerberufungen (vgl. Mk 1,16-20; Mt 4,18-22; Lk 5,1-11) zeigt sich dabei der besondere Blickwinkel, aus dem heraus der Evangelist Johannes das Evangelium von Jesus Christus erzählt und verstanden wissen will.

Nach Alois Stimpfle ist es das theologische Zeugnis und persönliche Bekenntnis, das auf die "Suche" gehen lässt, zur Nachfolge animiert und zum "Kommen zu" Jesus führt. Was sich dort in der Begegnung mit Jesus, im "Sehen" bei ihm und "Bleiben" mit ihm, ereignet, bleibt dem persönlichen Kontakt vorbehalten. Die interne Erfahrung äußert sich allerdings in neuem Suchen und Finden und Hinführen zu Jesus, in einer missionarischen Begeisterung. Dabei zeigt sich, dass auch eine Kompetenz und Autorität wie die des Petrus des Gesucht-, des Gefunden- und des Hingeführt-Werdens bedarf. Ziel ist ein "Verweilen" bei Jesus. Der Autor des Johannesevangeliums schreibt sein Werk als Zeugnis und Bekenntnis, das die Leser und Hörer auf die Suche schicken und in die Begegnung mit Jesus führen will - und zwar im "Bleiben" im Wort!

Von der Berufung

Unter Berufung im religiös-spirituellen Sinn wird das Vernehmen und/oder Verspüren einer inneren Stimme verstanden, die einen zu einer bestimmten Lebensaufgabe drängt. So spricht man von einer Berufung zur Liebe und zum Leben (in Fülle), die im Herzen jedes einzelnen Menschen tief verankert ist.

Im Kontext des "Prinzips Nachhaltigkeit" spricht Dr. Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Universität München, von einer "ökologischen Berufung der Christen sowie den Handlungschancen in Kirche und im persönlichem Lebensstil". Das "Prinzip Nachhaltigkeit" fordert jeden einzelnen zu einer neuen Lebens- und Wirtschaftsweise heraus und ist somit ein Weg, um der ökologischen Berufung der Christen lebendige Wirksamkeit zu verleihen.

Hinweise für die Predigt

Ernsthaft suchen - erleben und prüfen - entscheiden bzw. "Sehen -Urteilen - Handeln": Ein erster Gedanke, die Themen Berufung und Nachhaltigkeit in Verbindung zu bringen.

Der Weg zur Jüngerschaft ist sehr davon abhängig, ob wir etwas suchen: Wahrheit, Gerechtigkeit für alle, mehr Frieden, eine bessere Welt - Orientierung für sinnerfülltes Leben - Umkehr von Wegen und Zielen, die sich als falsch erwiesen haben - nachhaltiges Handeln und Wirken, das vor dem eigenen Gewissen bestehen kann - im Charakter wachsen und sich entwickeln wollen - Verantwortung im Großen wie im Kleinen für sich selbst und andere übernehmen.

Die Jünger, die Jesus folgen, sind nicht zufällig am Jordan und bei Johannes dem Täufer. Es sind Menschen auf der Suche (Joh 1,38), Menschen, die ihr Leben nicht vertrödeln und vergeuden wollen. Es sind Menschen, die mit dem Trend der Zeit, mit der Masse nicht - oder nicht weiterhin - gedankenlos mitzuschwimmen gedenken. Es sind Menschen, die mit Kraft und Einsatz, Rückgrat und Format jene Wege zu gehen suchen, die sie vor sich selbst und Gott verantworten können. Weil sie ernsthaft Suchende sind, weil sie wirklich etwas wollen, darum lassen sie den Hinweis auf Jesus durch den Täufer nicht unbeachtet.

Jesus lässt die beiden Jünger gewähren. Er sucht sie nicht um jeden Preis für sich zu gewinnen. Sie sollen kommen, sich bei ihm umschauen, ihn erleben, prüfen, wer er ist, und dann entscheiden (Joh 1,39), ob sie bleiben oder wieder gehen wollen. Dies ist die Haltung, die Jesus jedem Menschen gegenüber einnimmt.

Ich denke, wir spüren hier im Evangelisten Johannes sehr deutlich den Seelsorger. Er wirbt bei seinen Hörern um ein klares Ja für jene Schritte, die der einzelne unternehmen muss, wenn lebendiger Glaube gelingen soll. Und dazu gehört die entscheidende Frage, die der Evangelist Jesus in den Mund legt: "Was sucht ihr?" Wer nicht sucht, wer nicht ringt, wer nicht von Innen heraus etwas anstrebt, der wird Jesus nicht nachlaufen. Johannes möchte, dass wir das sehen und immer wieder bedenken. Echte Nachfolge Jesu fällt nicht vom Himmel, vollzieht sich nach unserer Taufe nicht von selbst. Für die Qualität, die Tiefe und Lebendigkeit unseres Christseins sind wir mitverantwortlich.

Hier bietet sich ein Brückenschlag zum Thema Nachhaltigkeit an: Ernsthaft nach Nachhaltigkeit suchen, sie erfahren, und nachhaltig entscheiden unter Verwendung von Beispielen aus dem Bereich der Nachhaltigkeit (dem Wald nur das entnehmen, was auf Dauer von selbst nachwächst etc.).

Die Autoren der Arbeitshilfe "Der Schöpfung verpflichtet - Anregungen für einen nachhaltigen Umgang mit Energie" regen zum Dreischritt "Sehen - Urteilen - Handeln" an: Wahrnehmung der aktuellen Situation heutiger Energiepolitik und -versorgung, dann Analyse der Energiefrage aus Sicht einer christlichen Ethik der Nachhaltigkeit, anschließend Empfehlung eines nachhaltigen Umgangs mit Energie mittels Maßhalten (Einsparungen), Effizienzsteigerung und Ausbau erneuerbarer Energien.

Ein zweiter Gedanke: "Wie würde Jesus an meiner Stelle handeln" - Wo finde ich Nachhaltigkeit im Leben Jesu?

Diese Mitarbeit - so können wir an den beiden Jüngern beobachten - beginnt in der Begegnung mit Jesus, im Schauen auf sein Leben, sein Denken und Handeln. "Kommt und seht!" fordert Jesus die Jünger auf (Joh 1,39), d.h.: vergleicht meine Gesinnung mit euren Wertvorstellungen und denen der öffentlichen Meinung; bewertet, welches von allen Angeboten dieser Welt das menschlichere Gesicht trägt, heilender und aufbauender ist; schaut und erwägt, welches Verhalten am Ende mehr Nutzen, Frieden und Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit bringt; stellt alles auf den Prüfstand, lasst nichts aus, schaut, vergleicht, erwägt, bewertet, trefft eure Wahl und Entscheidung.

Indem der Autor des Johannesevangeliums auf Vorschriften verzichtet, weist er helfend einen Weg, wie jeder - mit seinen Talenten, mit seinen Kräften, mit seiner Prägung, mit seiner Lebenserfahrung, aus seiner Situation heraus - den ihm eigenen Weg zu lebendigem Christentum finden kann. Dieser Weg führt über ein gedankliches Verweilen bei Jesus, ein Schauen auf ihn und sich dabei fragen: Wie würde Jesus an meiner Stelle handeln, wenn er in meiner Familie leben würde, mit meinem Partner verheiratet wäre, meine Nachbarn und meine Verwandtschaft um sich hätte, in dieser Gemeinde Mitglied wäre, an meinem Arbeitsplatz stünde, in der Zeit von heute lebte.

Dies kann durchaus auf die Frage nach einem nachhaltigen Umgang mit den Gütern der Erde, der ganzen belebten und unbelebten Schöpfung übertragen werden.

Zwar können aus dem Handeln Jesus keine direkten Verhaltensweisen bei konkreten Umweltproblemen oder -krisen abgeleitet werden, Jesu Worte und Taten zeugen aber immer wieder vom umsichtigen und nachhaltigen Umgang mit den Menschen, Pflanzen, Tieren und der ganzen belebten und unbelebten Schöpfung.

Mit dieser sich regelmäßig gestellten Frage "Wie würde Jesus an meiner Stelle handeln?" treten wir ein in ein mündig gelebtes Christsein, das sich nicht mit einem Schmalprogramm von Minimalforderungen zufrieden gibt, sondern die Fülle sucht und das Machbare ausschöpfen will.

Die Einladung lautet: Komm und sieh, verweile, vergleiche, wäge ab, beurteile! Für alles weitere tragen wir von da ab selbst die Verantwortung.
Dr. Marcel Görres


Literatur:
Müller, Gottfried: nachhaltig predigen: Kirchenjahr 2005/2006, Mainz, S. 39-41

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz: Der Schöpfung verpflichtet. Anregungen für einen nachhaltigen Umgang mit Energie, Bonn 2011, 52 S. (Arbeitshilfen 245)

Stimpfle, Alois: 2. Sonntag im Jahreskreis (B); Perikopen.de

Vogt, Markus: Prinzip Nachhaltigkeit. Ein Entwurf aus theologisch-ethischer Perspektive, München 2009. Oekom, 555 S.
Berufung hören und ihr folgen - auch bei Gegenwind …
15.01.12 Dr. Görres
(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B     3. Sonntag im Jahreskreis | 15.01.12
3. Sonntag nach Epiphanias


evang. Reihe IV:
1 Kor 2, 1-10
kath. 1. Lesung:
1 Sam 3, 3b-10.19
kath. 2. Lesung:
1 Kor 6, 13c-15a.17-20
kath. Evangelium:
Joh 1, 35-42