Die Autorin betrachtet die ev. Predigtperikope. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Teilhabe anderen ermöglichen, ohne Romantisierung; die Angst vor Milieugrenzen; Selbstgerechtigkeit
Exegetische Hinweise:

Dieser Text gilt in der sozialgeschichtlichen Bibelforschung als ein wichtiger Beleg dafür, dass zur Gemeinde in Korinth mehrheitlich Menschen aus der städtischen Unterschicht gehörten. Korinth war in jener Zeit eine pulsierende Hafen- und Handelsstadt, in der neben reichen Kaufleuten auch Heerscharen von Sklavinnen und Sklaven lebten. Es gab neben einem recht großen jüdischen Bevölkerungsanteil auch zahlreiche Kulte griechisch-hellenistischer und orientalischer Herkunft.

Die Menschen in Korinth mussten sich insofern - wie wir heute auch - zwischen vielen verschiedenen Lebensentwürfen und Modellen entscheiden, bzw. erlebten die Ärmeren von ihnen, wie viele Wege und Möglichkeiten ihnen durch ihre soziale Herkunft versperrt waren.

So gab es in der jungen christlichen Gemeinde oft Streit und Auseinandersetzungen um die Ordnung und Gestalt der Gemeinde (Hierarchie und Autorität, Gruppenbildung, Feier des Abendmahls etc.) und um eine christusgemäße Lebensführung (Ehe / Unzucht / Sexualität / Solidarität / Umgang der Reichen mit den Armen etc.)

Homiletische Aspekte im Kontext von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung / Nachhaltigkeit

1.) 1. Kor. 1, 26-31 kann in befreiungstheologischer Perspektive gelesen werden und stellt uns dann die Frage, in welcher Weise Christen auf dieser Welt dazu beitragen können, dass die Potentiale der vermeintlich Schwachen/Verachteten gehoben werden und ihnen die "Macht" gegeben wird, die ihnen von Gott her zusteht. In welcher Weise können die Teilhabemöglichkeiten derjenigen gestärkt und erweitert werden, die von vielem ausgeschlossen sind. Dies gilt es national und international zu bedenken. Dabei geht es nicht um eine Romantisierung der Armen, der Ausgeschlossenen, der am Rande Stehenden oder um eine Verteufelung der Reichen und Einflussreichen.

Sondern es geht darum, unsere gemeinsame "Berufung" (Vers 1,26) auszufüllen. Nur in gegenseitiger Achtung können wir den Weg von Gerechtigkeit und Heiligung (Vers 1,30) gehen, den Jesus uns verheißen hat.

Dass das nicht einfach ist, sollte nicht verschwiegen werden. Es ist nicht leicht, sich über die Milieugrenzen hinweg zu verständigen. Niemand verliert gerne Privilegien. Viele Eltern von Gymnasialkindern kämpfen z.B. dafür, dass ihre Kinder nicht mit den RealschülerInnen und GesamtschülerInnen gemeinsam lernen müssen - aus Angst, sie könnten dabei an Bildung, an Chancen, an Möglichkeiten verlieren. Solche Ängste sind verständlich. Auch ich fühle mich unter meinesgleichen am wohlsten. 1. Kor.1,26-31 aber weist in eine andere Richtung und stellt damit einen großen Anspruch in den Raum. Wir sind täglich eingeladen, kleine Schritte zu tun und wahrzunehmen, was wir auf diesem Weg geschenkt bekommen.


2.) Ein weitere Möglichkeit besteht darin, mit Hilfe dieses Textes einen selbstkritischen Blick einzuüben: Denn in Gottes Augen gilt eine andere Ordnung: Wer in dieser Welt viel gilt, "vornehm, mächtig und weise" ist, der muss aushalten, dass Gott diese Stärke relativiert. Paulus erinnert daran, dass die Starken sich nicht selbst überschätzen, sondern den Blick auf Gott selbst lenken, der das Verachtete "erhöht".

Dieser Gedanke birgt ebenfalls Sprengstoff: Paulus ermahnt, die eigene Selbstgerechtigkeit -sowohl in politischen als auch in religiösen Dingen - täglich neu zu hinterfragen. Um auf diese Weise Spaltungen zu überwinden, Brücken zu bauen und Konflikte einer konstruktiven Lösung zuzuführen.

Das ist schwer! Weil auch ich im Letzten immer davon überzeugt bin, dass meine Meinung richtiger ist als die der anderen. So geht es Linken wie Rechten, frommen Christen wie politischen Christen, Atomkraftwerksgegnern genauso wie Befürwortern.

Paulus bittet vor allem die Priviligierten, ehrlich zu sein mit sich selbst und sich einzugestehen, wo man vielleicht zu selbstgerecht aufgetreten ist und zu selbstgefällig gehandelt hat.

Denn die gemeinsame Berufung, die gemeinsamen Möglichkeiten, diese Welt zu gestalten bleiben auf der Strecke, wo die einen sich für besser halten als die anderen. Das nachfolgende Gedicht eines deutsch-israelischen Lyrikers verarbeitet die Erfahrung verhärteter Fronten in einem Konflikt, in dem einzig das Aufeinanderzugehen weiterhelfen könnte.

Der Ort, an dem wir recht haben (Jehuda Amichai)
An dem Ort, an dem wir recht haben
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben
ist zertrampelt und hart
wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug,
Und ein Flüstern wird hörbar
an dem Ort, wo das Haus stand,
das zerstört wurde.

(Jehuda Amichai, geb. 1924 in Würzburg, gestorben 2000 in Jerusalem, war ein deutsch-israelischer Lyriker. Er gilt als einer der meistgelesenen und bedeutendsten modernen israelischen Dichter.)


Fazit:

Insgesamt fordert dieser Predigttext den LeserInnen und HörerInnen einiges ab. Das kann man einer Gemeinde nicht jeden Sonntag zumuten, aber ab und an darf die "Radikalität des Evangeliums" auch zu spüren sein. Allerdings sollte immer klar sein, dass Gott ein barmherziger ist und bleibt, dass er keine Vollkommenheit von uns verlangt, sich aber mit uns freut an jedem gelungenen Schritt.
Antje Rösener
Die Angst vor Milieugrenzen überwinden …

8.01.12 Rösener
(© Claudia Ehry)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 Taufe des Herrn | 08.01.12
1. Sonntag nach Epiphanias


evang. Reihe IV:
1 Kor 1, 26-31
kath. 1. Lesung:
Jes 42, 5a.1-4.6-7
oder Jes 55, 1-11
kath. 2. Lesung:
Apg 10, 34-38
oder 1 Joh 5, 1-9
kath. Evangelium:
Mk 1, 7-11