Der Autor bezieht sich auf alle Lesungstexte und das Evangelium des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Heimat - Sorgen für die Nachkommen - Regeln, die das Zusammenleben erleichtern und nicht knechten - Gottes Treue und Segen währt ewig - Erfüllung der Versprechen in Jesus Christus
Gott schenkt uns Heimat

Was ist Heimat? Diese Frage beschäftigt die Soziologen zur Begriffsbestimmung auf wissenschaftlicher Ebene ebenso wie die Literaten in unzähligen Büchern, Romanen und Krimis, und auch Theologen fragen sich "Was ist Heimat?". Ist nicht in diesem Wort das verwirklicht, worauf alle Nachhaltigkeit zielt: auf das Bleibende, die Verlässlichkeit: das, was auch noch den Kindern und Kindeskindern Sicherheit, Frieden und Gerechtigkeit sichert. Denn die "Heimat" ist mehr als ein Gefühl von Heimeligkeit. Sie ist Beziehung zwischen Mensch und Raum - auf Dauer angelegt. Und sie ist so existenziell, dass kein Mensch - ob bewusst oder unbewusst - um diese Frage herumkommt: Was ist Heimat? Wo gehöre ich hin - auf Dauer? Sie reicht - gerade für die Theologen - über das Irdische hinaus und verweist auf die ewige Heimat.

Viele sind auf der Suche nach der Heimat. Sie haben einen Wohnort, einen Herkunftsort oder eine Arbeitsstelle, an der sie viel Zeit verbringen. Aber ist das Heimat? Andere haben die Heimat verloren, weil sie auf der Flucht sind: politisch vertrieben, als Kriegsopfer und traumatisiert. Wieder andere sehnen sich nach einer Heimat, nach einer verlorenen Heimat, sind in mehrfacher Hinsicht "heimat-los" geworden: unruhig, unzufrieden, entwurzelt; sind vielleicht auf der Flucht vor sich selbst, ohne Rast und Ruhe, ohne inneren Frieden. Wann kann jemand sagen, dass er seine Heimat gefunden hat? Wie viel Streit und Unfrieden hat es schon gegeben um dieses Wort, das doch mehr ist als ein Wort. Ist Heimat "nur" ein Land? Kann es "Heimat" auf der Erde überhaupt geben, oder ist es eine Utopie im wahren Wortsinn: Ein Nicht-Ort? Im Alltagsgespräch ist die Antwort schnell gegeben: Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt. Wo man angenommen und willkommen ist. Aber es ist noch viel mehr. Heimat ist einerseits ein Ort - oder doch eher ein Zustand?

Für das Volk Israel scheint die Frage in den biblischen Texten grundlegend beantwortet: Heimat ist dort, wo Gott sein Volk hinschickt. Wo er die Bleibe für sein Volk vorgesehen hat. Heimat ist dort, wo die Knechtschaft beendet wird und das Volk im Frieden seinen Platz zur Entfaltung, auch noch für die Kinder und Enkel, findet. Soweit klingt das ganz plausibel, harmonisch. Aber wo ist dieser Ort? Liest man die Bibel und sieht die Worte der dortigen Angaben, so betrifft das ganz konkrete Landstriche, die auch heute noch auf der Landkarte zu finden sind. Auch der Lesungstext der evangelischen Leseordnung von heute sieht einen "Befehl zur Besetzung des Westjordanlandes" (Jos 1) vor, es betrifft die "Eroberung des Landes"; es ist der göttliche Auftrag, das Land einzunehmen, das er als Heimat für das Volk vorgesehen hat. Die Verheißung des Landes ist für das Volk Israel Richtschnur und Auftrag. Und es ist so existenziell, seine Heimat gefunden zu haben, dass eigentlich ein Leben in Frieden nahe liegt.

Doch die Geschichte des Volkes Israel ist auch eine Geschichte der Kriege und des Kampfes um dieses verheißene Land, denn in dem Land wohnten bereits Völker, die hier Heimat und vertraute Stätte gefunden haben. So ist die Geschichte der Landnahme nach dem Exil auch die Geschichte der Bedrohung und des Streitig-Machens dieses Landes. Es ist die Geschichte der Konkurrenz und der Spannung zwischen der göttlichen Verheißung und der konkreten politischen Lage. Das setzt sich fort bis heute. Der politische Staat Israel lebt nicht in Frieden. Es ist bisher keine Lösung gefunden worden zwischen den Worten der Verheißung und der konkreten politischen Landkarte. Ein Leben in Frieden in weiter Ferne? Die versprochene Heimat kein Ort, an dem man ankommen kann und sich willkommen fühlt? An dem auch die Nachkommen auf Dauer eine Bleibe haben? Wo die Zukunft ist. Die "Heimat" - keine Heimat? Das verheißene Land - nur Utopie?

In den Lesungstexten von heute steckt aber noch mehr. Da ist die Rede von der Zusage Gottes "Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht!" (Jos 1, 5) Und es ist die Aufforderung "Sei mutig und stark!": gleich mehrfach wird dies wiederholt. Eine Kampfansage? Eine Aufforderung, etwas mit Gewalt durchzusetzen? Sich das Land zu nehmen, koste es, was es wolle? Das klingt in den Schrifttexten auch anders! Was dort steht, will den Weg eröffnen zum wahren Frieden, der politische Streitereien unwichtig erscheinen lässt: Wer die Gebote Gottes hält, wird im Frieden leben, wird Heimat und Geborgenheit finden. Die Gebote sind nicht Gesetze, die man dem Buchstaben nach erfüllen muss. Sie sind keine politische Agenda. Sie sind Agenda in einem anderen Sinn, der viel tiefer geht. Die Gebote Gottes sind der Weg zu "Glück und Erfolg" (Jos 1, 8), das mehr ist und nachhaltiger wirkt als politischer oder materieller Erfolg. Die Weisungen Gottes eröffnen Wege zum gelingenden Leben. Die Gebote Gottes sind Weisungen in die Zukunft: in eine gute, friedvolle, gesegnete Zukunft: "Fürchte dich nicht und hab keine Angst, denn der Herr, dein Gott, ist bei dir bei allem, was du unternimmst!" (Jos 1, 7)

So ist es auch kein Zufall, dass die erste Lesung (Num 6, 22-27) der katholischen Ordnung den Segen Gottes für sein Volk Israel in den Blick rückt. Von Geschlecht zu Geschlecht soll der Segen weitergegeben werden. Bis heute wird dieser Segensspruch auch in den christlichen Gottesdiensten verwendet. Er setzt fort, was Gott zugesagt hat; er ruft in Erinnerung, dass Gottes Zusage steht, durch all die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende: Gott ist treu. Gottes auserwähltes Volk, das Gottesvolk, ist nicht auf die Grenzen von politischen Staaten beschränkt. Gott will die Zukunft seines Volkes, er will die Zukunft der Menschen, die er geschaffen hat: die Zukunft aller Menschen. Wem Gott sein Angesicht zuwendet, für den gibt es keinen Gegner mehr, der findet seinen Frieden in diesem Heil, seinem Segen. Dessen Herz findet die Ruhe der Heimat.

Ist dies nicht immer noch viel zu fromm und viel zu unkonkret? Wie einfach und gut danach leben wäre es doch, wenn alles wörtlich zu verstehen wäre. Dann gibt es zwar immer noch die konkreten Probleme, aber man wüsste, wo man dran ist. Und dann soll das alles nicht wahr sein? Doch! Wahr ist es, nur womöglich in einem noch viel tieferen Sinn als unser Herz das in seiner menschlichen Begrenztheit erfassen kann. "Gott ist größer als unser Herz!" (1 Joh 3,20) Wie tröstlich ist das doch! Wir müssen nicht alles begreifen und überschauen. Wir dürfen vertrauen, dass Gottes Zusage gilt: Dass er mit seinem Segen bei uns bleibt und uns den Weg zum Leben zeigt. Es ist das Vertrauen Mariens, deren Hochfest die katholische Kirche heute feiert: Sie hatte dieses existenzielle Vertrauen in Gottes Ratschluss und Wort, sodass sie sich ganz diesem Wort anvertrauen konnte und darin die tiefe Freiheit gefunden hat, die sie vor anderen auszeichnet: "Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. - Ich bin die Magd des Herrn." (Lk 1, 28. 38) Gott findet in der Mutter Maria Heimat, weil sie bereit ist, Heimat zu bieten. Die Mutterliebe öffnet das Herz für das Ankommen Gottes.

Dann es ist doch konkret, was Gott sagt. Es ist viel konkreter als vielleicht gedacht: In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, hat sich seine Zusage erfüllt, sein Beistand konkretisiert in unserer Menschengestalt. Gott hat seinen Sohn gesandt, "damit wir die Sohnschaft erlangen" (Gal 4, 5). So dürfen wir auch Gott vertrauensvoll unseren Vater nennen und sind zu "Erben" (Gal 4, 7) geworden. Wer Erbe ist, der sieht sich in der Reihe der Erben, durch die er selbst erhalten konnte, was andere bewahrt haben. So bewahrt er selbst idealerweise das Überlieferte, das er letztlich unverdient übertragen bekommen hat; der versucht, es nachhaltig zu sichern und für die kommenden Generationen zu erhalten. Der bewahrt nicht um des Bewahrens willen, nur mit dem nostalgischen Blick zurück, sondern der bewahrt, weil er damit die Zukunft für die nachfolgenden Generationen im Blick hat. Der erhält mit dem Erbe auch einen Auftrag und steht in der Verantwortung dafür. Wenn wir "Erben" sind, dürfen wir das "Erbe" nicht einfach verprassen. Wir stehen in der Reihe der Erben, uns ist das "Erbe" geliehen: Uns ist die Erde anvertraut, die Schöpfung und ihr Bestand für die Zukunft. Doch dabei sind wir nicht allein auf uns selbst gestellt, auf das Machbare und das technisch Erreichbare. Wir stehen in der Verantwortung für das Erbe und sind nicht allein: Uns ist Gottes Verheißung zugesagt, sein Beistand und Segen. Diese Zusage bleibt bestehen. Gott hat seine Zusage durch seinen Sohn besiegelt: Ein für alle Mal und auf Dauer. Gott ist Mensch geworden: Darin besteht der tiefste Ausdruck von Gottes Solidarität: allen politischen und wirtschaftlichen, allen menschlichen und kleinmütigen Einordnungen und Beschränkungen zum Trotz - und uns zum Trost. Er hat das ganze Menschsein angenommen: Von der Geburt des Kindes im Stall von Betlehem (Lk 2), schutzlos und arm, über sein Leben und Wirken bis zum Tod am Kreuz. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Er ist ganz Mensch - und bleibt doch ganz Gott.

So können wir Heimat finden bei ihm, wie auch Gott in der Menschwerdung Heimat gefunden hat auf dieser Erde. In diesem Tausch und in dieser unauflösbaren Bezugnahme aufeinander erfüllt sich das Gotteswort. So schenkt er uns Land und Ort, Zeit und Raum: so schenkt er uns die Luft zum Atmen und die Freiheit der Kinder Gottes. Er eröffnet uns die Heimat, die über diese Welt hinausreicht, bis in seine Ewigkeit.
Dr. Michael Kinnen
Was ist das Bleibende …?

1.1.12 Dr. Kinnen
(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                     Neujahrstag | 1.01.12
Hochfest d. Gottesmutter Maria


evang. Reihe IV:
Jos 1, 1-9
kath. 1. Lesung:
Num 6, 22-27
kath. 2. Lesung:
Gal 4, 4-7
kath. Evangelium:
Lk 2, 16-21