Der Verfasser betrachtet alle ausgewiesenen Perikopen des Weihnachtstages, um unter dem Aspekt Nachhaltigkeit eine gemeinsame Linie zu skizzieren. Stichworte: aktueller Kontrast der Botschaft des christlichen Weihnachtsfestes zu anderen Botschaften unserer Zeit? / Gerechtigkeit gestalten und die Liebe so weitergeben / Katastrophen des Alltags aushalten und aus ihnen lernen
Stellung im Kirchenjahr

Der Weihnachtsfestkreis eröffnet das Kirchenjahr. In Rom wurde das Weihnachtsfest etwa seit 330 am 25. Dezember gefeiert, in Konstantinopel seit etwa 380. Da dieses Datum nahe der Wintersonnenwende lag, lässt sich vermuten, dass mit dieser strategischen Setzung konkurrierende inner- und außerchristliche Vorstellungen abgewehrt werden sollten. Die Botschaft sollte lauten: Christus ist der wahre Gott - und nicht die "unbesiegbare Sonne".

Exegetische Hinweise

1 Joh 3, 1-6
Die johanneische Gemeinde lebt in der "Parusie-Erwartung": Christus wird in Herrlichkeit erscheinen, vor ihm wird jedoch der Antichrist auftreten. Der Verfasser des ersten Johannesbriefs rechnet sich zu einer Gruppe christlicher Lehrer, die im Kampf gegen Irrlehrer, die in christlichen Gemeinden auftreten ("Antichriste", vgl. 2, 18; vgl. auch 2, 22; 4,3; 2 Joh 7), das "von Anfang an" Verkündigte (2, 7.24; 3,11) in Wert setzen wollen. Theologisch wird die Gerechtigkeit der Sünde gegenübergestellt ("die Kinder Gottes" vs. " die Kinder des Teufels") (1 Joh 3,10).

Am Morgen: 1. Lesung (Jes 62, 11-12) / 2. Lesung (Tit 3, 4-7) / Evangelium (Lk 2, 15-20)
In Jes 62 erhebt ein Prophet seine Stimme für die aus dem Exil Heimgekehrten (Tritojesaja), der sich zur Verkündigung einer frohen Botschaft berufen weiß. Er malt in seinen Worten ein leuchtendes Bild der Verheißung von der geretteten Gottesstadt Zion.

Im Brief an Titus (3,4-7), der neben Timotheus zu den engsten Mitarbeitern Paulus gehörte, geht es vordergründig um Güte und Menschenfreundlichkeit im sozialen Miteinander (auch um Gehorsam gegenüber den Machthabern!) als soziale Pflichten der Getauften. Wesentlich geht es aber in v. 4-7 darum, dass sich diese Pflicht aus dem trinitarischen Verständnis ableitet: Gott der Retter hat uns "gerecht" gemacht hat durch den Heiligen Geist. Das fundamentaltheologische Bild, in das sich dies übersetzen ließe, lautet: Wir sind aufgenommen in die liebende Beziehung zwischen Gott Vater und Sohn, den Heiligen Geist - und sind deshalb fähig und beauftragt, diese Liebe weiterzugeben.

In Lk 2, 15-20 werden die Hirten zu Boten der Engel, der Boten Gottes, und verkünden, dass das Kind in der Krippe der Messias ist. Der uralte religionsgeschichtliche Topos, daß dem Herrscher seine zukünftige Macht bereits "in die Wiege gelegt ist", findet hier seinen Ausdruck.

Am Tag: 1. Lesung (Jes 52, 7-10) / 2. Lesung (Hebr 1, 1-6) / Evangelium (Joh 1, 1-18)
In Jes 52 befindet sich Juda im babylonischen Exil (Deuterojesaja). Der Heilsprophet, der hier spricht, hat den Auftrag, das unmittelbar bevorstehende Eingreifen Gottes zu verkünden: In einem neuen Exodus wird Jahwe sein Volk nach Zion heimführen. In den drei Versen, die dem ausgewählten Text folgen, wird der Heilsprophet verkünden, dass der "Gottesknecht" (im jüdischen Verständnis eine kollektive Figur für das gesamte Volk Israel) aus Leiden und Todesnot errettet und zum Erwählten Jahwes wird, erfolgreich und voller Macht, der sich sogar Könige beugen müssen.

Hebr 1, 1-6 bezeugt in einem kunstvoll gestalteten Vorwort (1,1-4) und daran anschließenden Zitaten aus dem Alten Testament, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Er übertrifft die Engel an Macht als "Abglanz seiner Herrlichkeit" und "Abbild seines Wesens".

Der Prolog des Johannesevangeliums in Joh 1, 1-18 zielt als theologische Präambel des Johannesevangeliums auf den Kern seiner Botschaft, bevor das Wirken Jesu beschrieben wird: von Jesu ewigem Sein beim Vater (Präexistenz) führt uns der Text zur Menschwerdung (Inkarnation). Jesu offenbart sich in Wort und "Zeichen", er ist "der Messias, der Sohn Gottes". Der "weihnachtliche" Bezug findet sich in v.12: "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden".

Nachhaltigkeitsbezug - Anregungen für die Predigt

Die Vielfalt der hier angebotenen biblischen Texte lässt den Leser und Prediger nach einer Linie suchen. Zwei kontrastierende Stichwort-Paare bieten sich dabei im Blick auf den Aspekt Nachhaltigkeit an: Gerechtigkeit / Sünde und Ohnmacht / Macht. Inspirierend ist dabei das Szenario des Kontrastes, das im 1. Johannesbrief aufgebaut wird und das sich in dem historischen Blickwinkel auf die Einführung des 25. Dezember als Weihnachtsfest wiederfindet. Wo befindet sich die Botschaft des christlichen Weihnachtsfests heute im Kontrast zu anderen konkurrierenden Botschaften? Wie lässt sich hier eine Verkündigung buchstabieren, die nicht im Schwarz/Weiß steckenbleibt, sondern die frohe Botschaft von Weihnachten übersetzt in eine konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit der Moderne?

  • Gerechtigkeit / Sünde:
    Der 1. Johannesbrief provoziert den modernen Leser: "Kinder Gottes" vs. "Kinder des Teufels"? "Die Gerechten" vs. "die Sünder"? Eine am Evangelium orientierte Spiritualität des Weihnachtsfestes vs. dem konsumorientierten, bürgerlichen Weihnachtsfest? Zu einfach erscheint dieser moralisierende, apodiktische Kontrast in einer komplexen globalisierten Welt. Denn wer von uns kann sagen, er sei "auf der richtigen Seite", hätte keinen Anteil an Ungerechtigkeit, wäre nicht eingebunden in "sündige Strukturen"? Aber ein interessantes Gedankenspiel, sich in den Kontext der johanneischen Gemeinde hineinzudenken: Was wäre, wenn morgen "Christus in Herrlichkeit erscheint"? Was wäre dann heute wichtig?

    Gleichzeitig ist der Text des 1. Johannesbriefs ein "Stachel". Bei aller Komplexität - die Antwort kann keine unverbindliche sein. Es geht um die Frage: Was ist gerecht in dieser Gesellschaft? Wie können wir die Gesellschaft gestalten, in der wir leben wollen? Wie können wir Not als Kriterium für die Definition von Gerechtigkeit erkennen und uns dazu verhalten? Ein interessanter Bezug ergibt sich hier zum Titus-Brief: Gott der Retter hat uns "gerecht" gemacht durch den Heiligen Geist. Wir können eine Empathie für Gerechtigkeit entwickeln, weil wir selbst Liebe erfahren haben, weil wir in die Liebe Gottes des Vaters zum Sohn aufgenommen sind. Wir sind in der Liebe des Vaters geborgen. In diesem Sinne sind wir "Kinder Gottes", die Liebe weitergeben können, die sich bemühen können, Gerechtigkeit konkret zu beschreiben und zu fördern. Und diese Liebe Gottes, die uns zur Menschlichkeit verhilft, erinnern wir an Weihnachten.


  • Ohnmacht / Macht:
    Die Zerstörung des Tempels, die Deportation nach Babylon, das Exil - das Volk Israel, an das sich Jesaja wendet, erlebt tiefste Ohmacht, Verzweiflung und Depression. Es muss den Umgang mit der Katastrophe lernen, als Kollektiv.

    Auch wir erleben tagtäglich Katastrophen in der globalen Welt, die keinen von uns unberührt lassen: die Atomkatastrophe von Fukushima, die Brutalität der Menschenrechtsverletzungen der Herrschenden in Nordafrika und China, die Rituale von Gewalt und Gegengewalt überall auf der Welt. Oft geht dabei sogar unter, dass es alltägliche Katastrophen vor unserer Haustür gibt, die wir verdrängen: der Suizid auf Raten durch den wachsenden Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen, die geringen Bildungschancen von Kindern, die unter der Armutsgrenze leben.

    Die biblischen Texte bieten im Kontrast zu dieser Katastrophenstimmung eine Verheißung: Gott hat sich unwiederbringlich in der menschlichen Geschichte, in unserer Welt verwurzelt. Er verwurzelt sich mit einem Angebot an uns, das nichts erzwingt, aber alles ermöglicht. Gott ist da als Liebender. Das ist eine Macht, der sich sogar Könige beugen müssen - so die Verheißung. Nicht der Beweis. Ob daraus eine heilsame Gegenwart wird, verantworten wir. "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er die Macht, Kinder Gottes zu werden." (Joh 1, 12).
  • Christoph Diringer
    Kontrast zu anderen Botschaften …?

    (© Wikimedia Commons/AlexR)
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    Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                       Weihnachten | 25.12.11

    evang. Reihe IV:
    1 Joh 3, 1-6
    kath. 1. Lesung:
    am Morgen: Jes 62, 11-12
    am Tag: Jes 52, 7-10
    kath. 2. Lesung:
    M: Tit 3, 4-7
    T: Hebr 1, 1-6
    kath. Evangelium:
    M: Lk 2, 15-20
    T: Joh 1, 1-18