Nachhaltig predigen Weihnachten 2012
"Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen." Dieses etwas zynische Zitat von Karl Valentin kann manchem Prediger in den Sinn kommen, wenn er sich auf seine Aufgabe am Heiligen Abend vorbereitet. Brauchtum und Familienidylle sowie deren Brüchigkeit und Kommerzialisierung scheinen ebenso unveränderlich wie die Texte der Liturgie und der Anlass. Doch genau hier liegen die Herausforderung und die Chance, wenn man der an diesem Tag besonders zusammengesetzten Gottesdienstgemeinde die Weihnachtsfreude wecken und doch aufrütteln will - also sagen will, was schon alles gesagt wurde, nur noch nicht auf diese Weise.

Die biblischen Texte des Weihnachtsfestes wurden bereits in verschiedenen Ausgaben dieser Predigtreihe kommentiert und sind im Internet (www.umdenken.de/predigen) einsehbar. Deshalb habe ich auf eine erneute Auslegung verzichtet. Da die folgende Predigtskizze das Miteinander von Licht und Dunkelheit aufgreift, eigenen sich, insofern eine Auswahl möglich ist, besonders: Jes 9, 1-6; Jes 62, 1-5; Lk 2, 1-14

Predigtskizze:

Einstieg
Licht in dunkler Nacht fasziniert. Gerade das Licht der Kerzen oder das weiche, warme Licht des Weihnachtsbaumes nehmen der Dunkelheit den Schrecken und vertreiben sie doch nicht ganz. So wird diese weder erst- noch einmalige armselige Geburt gedeutet. Licht ist dieser Jesus für seine Eltern Maria und Josef, und Licht ist er für die Hirten auf dem Feld. Doch er ist noch mehr. Aus der Unendlichkeit des Alls ist der Stern über dem Stall stehen geblieben und der ewige Gott den Menschen so nahe gekommen wie am Tag der Schöpfung. Es wird Himmel auf Erden, und das Strahlen der Engel ist das Zeichen dafür.

1. Gedankengang
Licht, das die Dunkelheit durchdringt, ist nicht nur Sinn und Bild für die Geburt Jesu und den damit beginnenden neuen Bund Gottes mit den Menschen, sondern wurde und wird auch immer gedeutet als das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in den Dunkelheiten eines Menschen, der Menschheit und der Welt. Dafür lassen sich viele, auch aktuelle Beispiele finden. Der Dialogprozess für die katholische Kirche bei der Laien und Hierarchie im offenen Dialog miteinander am Tisch sitzen, kann sicherlich so gedeutet werden.

Ein weiteres Beispiel dieses Miteinanders von Dunkelheit und Licht soll das japanische Fukushima (Der Name bedeutet "Insel des Glücks") mit der Reaktorkatastrophe, die am 11.März 2011 begann, sein. Ein Erdbeben und der dadurch verursachte Tsunami lösten eine unkontrollierbare Kettenreaktion im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi aus. Die Situation war tagelang nicht unter Kontrolle zu bringen. In verschiedenen Reaktorblöcken ereignete sich eine Kernschmelze. Große Mengen von Radioaktivität kamen in die Umwelt und verseuchten Menschen, Tiere, Land und Meer. Noch mehrere Monate danach war die Situation nicht stabil. Wie viele Menschen dabei ihr Leben verloren oder dauerhaft erkrankten, lässt sich nicht genau feststellen, da die Strahlung, der die Menschen ausgesetzt waren, langfristig wirkt. Die Möglichkeit eines solchen Unfalls war von Kritikern der Kernkraft vorausgesagt worden. Seit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl weiß man auch von den Generationen überdauernden Folgen.

In dieser dunklen Situation gab es viele Lichter: Menschen, die ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzten, um Schlimmeres zu verhindern, Organisationen, die unbürokratisch Hilfe leisteten, und Regierungen, die ihre Energiepolitik neu überdachten.

2. Gedankengang
Die Katastrophe von Fukushima führte zur sog. "Energiewende" in Deutschland. Diese Wende kann auch als ein Licht gegen die drohenden Gefahren unserer Energiepolitik gedeutet werden. Es geht dabei nicht nur um das Abschalten von Kernkraftwerken, sondern auch um die Stilllegung von Öl- und Kohlekraftwerken. Energie soll künftig vor allem aus Sonne, Wind, Wasser und Erdwärme gewonnen werden. Wer in dem Streit um den richtigen Weg, die richtige Methode oder die rechte Dauer dieses Umbaus Recht behält, wird sich, wenn überhaupt, nur im Nachhinein feststellen lassen. Ob die Politik und die Verbraucher diesen Weg und die damit verbundenen Konsequenzen durchhalten, wird ebenfalls die Zukunft zeigen. Doch unabhängig von solchen Überlegungen haftet den neuen Energieträgern nicht nur der Reiz des Neuen an, sondern auch die Vision, dass man auf Dauer die ganze Energieproblematik, die uns in den letzten Jahrzehnten bewusst geworden ist, lösen könnte. Energieträger, die uns unbegrenzt zur Verfügung stehen, und Energiegewinnung, fast ohne Nebenwirkungen, könnten ein Licht sein in einem dieser großen, unlösbar scheinenden Themenkomplex unserer Welt.

Überleitung
Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass uns die Einlösung dieser Vision nicht wirklich gelingen wird. Zu unersättlich ist der Energiehunger der wachsenden Weltbevölkerung, zu uneinsichtig sind trotz der Katastrophe von Fukushima viele Verantwortungsträger, zu unbekannt sind die Nebenwirkungen einer konsequenten Nutzung regenerativer Energieträger. Es lässt sich auch die Frage stellen, ob uns seit dem Licht aus Bethlehem überhaupt gelungen ist, Dunkelheiten dauerhaft zu erleuchten oder gar zu vertreiben. Hunger, Armut und Elend, Krieg, Hass und Gewalt sind in den letzten 2000 Jahren nicht weniger geworden.

3. Gedankengang
Nicht verzweifeln, sondern hoffen dürfen wir an Weihnachten. Wir Menschen können nicht den Menschen noch die Welt erlösen. Wir haben aber das Versprechen, dass das Reich Gottes schon zeichenhaft unter uns angebrochen ist. Jesus, das Licht, das uns erschienen ist, hat uns diese Botschaft gebracht. Sein Tod und seine Auferstehung zeigen uns, dass diese Zusage Gottes unverbrüchlich gilt. Für uns gilt deshalb, dass wir nicht an den großen und kleinen Problemen verzweifeln müssen. Denn nicht wir allein, sondern mit Gottes Hilfe arbeiten wir Schritt für Schritt an einer Zukunft, die uns Menschen Hoffnung gibt. Selbst wenn es uns nicht gelingen wird, die Probleme und Fragen des wachsenden Energiebedarfs dauerhaft zu lösen, so stellen wir uns doch der Verantwortung, die uns Fukushima aufgezeigt hat. "Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, können sie das Gesicht der Welt verändern." Das sagt ein afrikanisches Sprichwort.

Überleitung
Der Schein der vielen kleinen Kerzen, welcher der Dunkelheit die Angst nimmt, sie aber nicht vertreibt, ist ein Bild, das den Sinn des Weihnachtsfestes deutet. Es ist ein tröstliches Bild, weil es uns Menschen Menschen sein lässt. Wir müssen nicht alles machen, nicht alles können, nicht alles lösen. Es ist ein ermutigendes Bild, weil wir durch unser Handeln aus dem Glauben sehr wohl Licht bringen können. Es ist ein forderndes Bild, denn wenn wir das Licht Christi nicht weitertragen, bleibt nur Dunkelheit. Es ist vor allem aber ein froh machendes Bild, denn das Versprechen ist gegeben, dass in der Herrlichkeit Gottes keine Dunkelheit bleibt.

Schluss
Weihnachten ist keine fromme Idylle. Auch die Geburt Jesu lässt sich nicht romantisch verklären. Doch die Botschaft, die Wirkung und die Hoffnung, die von diesem Ereignis ausgehen, sind eine unerschöpfliche Kraftquelle für unser Leben. Vielleicht entdecken wir durch die Geburt Jesu auch für uns und unser Leben eine "Energiewende".

Jedes Jahr neu Weihnachten zu feiern, mit all seinem Brauchtum, mit der Sehnsucht nach Ruhe und Frieden, mit der Hoffnung auf Geborgenheit in der Familie, kann uns öffnen für dieses göttliche Licht, das uns durch das Kind in der Krippe aufstrahlt, kann unsere Sehnsucht nach dem Himmel auf Erden wecken und uns anstecken zur Freude, denn Gott ist und bleibt uns nahe.

http://de.wikipedia.org/wiki/Nuklearkatastrophe_von_Fukushima
Paul Nowicki


Weitere Impulse:
ImpulsePaulNowicki24Dez2012.pdf
Alles ist gesagt … - oder nicht?

(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                
Hl. Abend u. Hl. Nacht / Christvesper u. Christnacht | 24.12.11


evang. Reihe IV:
Vesper: Jes 9, 1-6
Nacht: Jes 7, 10-14
kath. 1. Lesung:
Abend: Jes 62, 1-5
Nacht: Jes 9, 1-6
kath. 2. Lesung:
A: Apg 13, 16-17.22-25
N: Tit 2, 11-14
kath. Evang.:
A: Mt 1, 1-25
N: Lk 2, 1-14