Die Autorin betrachtet den Predigttext der ev. Reihe und den kath. Evangeliumstext. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Glaubwürdigkeit von Instanzen und Personen / von ökonomisch und friedensethisch verantwortlicher Politik / Rüstungsexportverbote, Menschenrechte, Internat. Ökumen. Friedenskonvokation (2 Kor 1); die Verwandlung der Welt, ausgehend von einem einfachen Haus (Lk 1)
Der historische Kontext

Persönliches und Theologisches verbindet der Apostel Paulus in seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth. Ein erneuter Besuch dort steht an, kann aber von Paulus gegenwärtig nicht realisiert werden, was zu Verstimmungen und Zweifeln an seiner Zuwendung zu dieser Gemeinde führt. Der Alltag der Gemeinde ist durch die Präsenz griechisch-römischer Gottheiten geprägt und die damit verbundenen politischen Pflichten der Anerkennung. Diese Lebensvollzüge bestimmen die gemeindliche Realität. Es entsteht der Eindruck, Paulus meine es nicht Ernst mit seiner Zusage, die Gemeinde erneut zu besuchen. Damit steht seine Autorität unter besonderem Rechtfertigungsdruck. So lässt sich "aus der spürbaren Verteidigungshaltung des Apostels … erschließen: in der korinthischen Gemeinde gab es einige, die ihm vorwarfen, nicht aufrichtig zu sein und anderes zu meinen als zu sagen oder zu schreiben." (Münnich S. 16). Die Frage nach der Zuverlässigkeit des Apostels stellt sich und wird von ihm mit dem Hinweis auf die Treue Gottes beantwortet. In Jesus Christus sieht er Gottes Zusage und die Versiegelung seiner Verheißungen.

Die homiletische Situation

Die Frage nach unserem Verhalten, unserer Verlässlichkeit und unseren Zusagen liegt nahe. Wie ist es mit all dem, was wir uns für die Advents- und Weihnachtszeit vorgenommen haben, und mit dem, was wir gehalten haben? Mit unserem Ja Sagen und Nein Tun, mit unserer Halbherzigkeit und Unglaubwürdigkeit? Mit unseren Hoffnungen und Erwartungen, die sich auf die Weihnachtsbotschaft beziehen und von ihr her begründet sind. Wie ist es mit unseren Versprechungen und Zusagen, ökologisch nachhaltig und friedensethisch verantwortlich zu leben? Was wir aus den Krisenherden dieser Welt hören, lesen und sehen, lässt Zweifel an unserer Glaubwürdigkeit aufkommen, für eine ökonomisch, entwicklungspolitisch und friedensethisch verantwortliche Politik einzutreten. Was ist denn wirklich vermeintlichen Sachzwängen geschuldet, wo werden sie vorgeschoben für mangelndes politisches Engagement? Wen, welche Staaten, politischen Zusammenschlüsse oder Partnerorganisationen vertrösten wir ähnlich wie Paulus die korinthische Gemeinde? Wie stehen wir beispielsweise konkret zum Rüstungsexportverbot nach Saudi-Arabien und in über 40 andere Staaten, deren Menschenrechtspolitik mehr als bedenklich ist, und den Beteuerungen, demokratische Entwicklungen in anderen Staaten fördern zu wollen? Wie ist es mit dem geplanten Ausstieg aus der Atomenergie und den Zusagen, die dazu gemacht sind - wie verlässlich sind sie?

In der jüdischen Tradition lesen wir: "Rav Huna sagte im Namen von Schmuel bar Jitzchak: Das Ja der Gerechten ist ein Ja, und ihr Nein ist ein Nein" (Midrasch Ruth Rabba VII, 6 zu Ruth 3, 18). Dies soll auch für Paulus gelten. Dies soll aber auch für die christliche Gemeinde gelten, die auf die weihnachtliche Zusage der Engel wartet "Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen".

Die Ankündigung der Geburt Jesu (Lk 1, 26 - 38) kann als das adventliche Lied von der großen Verwandlung gelesen werden, die nachhaltig in unserer Welt wirksam ist. Nicht an einem hervorgehobenem Ort wie etwa im Tempel, sondern in einem einfachen Haus wird die Geburt Jesu verkündet. Eine Wundergeschichte wird angekündigt: Ohne einen zeugenden Mann wird eine junge, unverheiratete Frau schwanger. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind außer Kraft gesetzt. Das mag auch für unser politisches Engagement beflügeln.

Philipp Potter, der ehemalige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, erwähnt in einem Beitrag zur Gemeinschaft von Frauen und Männern zum Magnifikat die beiden Wurzeln des Verbes mara, von dem der Name Maria gebildet wird: "Die eine bedeutet so viel wie ‚füllig sein', und das hieß in der semitischen Kultur der damaligen Zeit so viel wie ‚schön sein'. ... die andere Bedeutung des Wortes mara..., das so viel heißen kann wie ‚aufbegehren', ‚eine Revolution führen'. Das wird einleuchtend, wenn man das Magnifikat liest, in dem die Gewaltigen, einschließlich der Kirchenfürsten, von ihrem Thron gestoßen, die Niedrigen und Schwachen jedoch erhoben werden. (...)In unserer wissenschaftlichen und exegetischen Arbeit über die Bedeutung des Wortes mara haben wir Männer schlicht entschieden, dass es ‚füllig' und ‚schön sein', aber nicht ‚aufbegehren', ‚für einen Wandel arbeiten' bedeuten müsse..." (Potter S. 148 f.)

Anregungen zur Nachhaltigkeitsdebatte

Im Mai 2011 kamen über 1000 Christinnen und Christen auf Einladung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Kingston / Jamaika zur Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation zusammen, die zum Abschluss der Dekade zur Überwindung von Gewalt die Ergebnisse jahrelanger Arbeit sichtbar machte. Das Leitbild eines gerechten Friedens wurde in vier Dimensionen entfaltet: "Friede in der Gemeinschaft", "Friede mit der Erde", "Friede in der Wirtschaft" und "Friede zwischen den Völkern". Ein "Ökumenischer Aufruf zum gerechten Frieden" wurde bereits im Februar 2011 vom Zentralausschuss des ÖRK verabschiedet und soll in den nächsten Monaten diskutiert werden. In der Abschlussbotschaft der Friedenskonvokation wird folgendes festgehalten:

"Friede mit der Erde

Die Umweltkrise ist eine zutiefst ethische und spirituelle Krise der Menschheit. Wir erkennen an, dass die Menschen der Erde mit ihrem Verhalten Schaden zugefügt haben, und bekräftigen unser Bekenntnis zur Bewahrung der Schöpfung und zu dem Lebensstil, den uns dies abverlangt. Unsere Sorge um die Erde und unsere Sorge um die Menschheit gehören zusammen. Natürliche Ressourcen und gemeinsame Güter der Menschheit wie Wasser müssen gerecht und nachhaltig miteinander geteilt werden. Gemeinsam mit der globalen Zivilgesellschaft appellieren wir an Regierungen, all unsere wirtschaftlichen Aktivitäten radikal umzustrukturieren, mit dem Ziel, eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft auf den Weg zu bringen. Der übermäßige Verbrauch fossiler Brennstoffe und CO2-Emissionen müssen dringend auf ein Niveau reduziert werden, das eine Begrenzung des Klimawandels ermöglicht. Die ökologische Schuld der Industrieländer, die für den Klimawandel verantwortlich sind, muss bei den Verhandlungen über die Anteile bei den CO2-Emissionen und die Pläne für die Anpassungskosten berücksichtigt werden. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima hat einmal mehr bewiesen, dass wir nicht länger auf Atomstrom als Energiequelle zählen dürfen. Wir lehnen Strategien wie die Ausweitung der Produktion von Agrotreibstoffen ab, die zum Nachteil der Armen ist, weil sie in Konkurrenz zur Herstellung von Nahrungsmitteln tritt."
(weitere Informationen unter www.gewaltueberwinden.org).

Besonders eindrücklich war für die Versammlung der Videobericht über Tuvalu, eine polynesische Insel im Stillen Ozean zwischen Hawai und Australien, deren ca. 11.000 Einwohner wohl als erste ihr Staatsgebiet als Umweltflüchtlinge verlassen müssen. Die Menschen dort sind vom Regenwasser abhängig, ihr Land wird vom Meer überspült, und damit ist das Grundwasser durch Versalzung unbrauchbar. An ihrem eindrucksvollen Bericht wird deutlich, dass Gewalt gegen die Erde auch Gewalt gegen Menschen ist. Der Projektmanager der Kirche von Schottland stellte die Idee weltweiter "Öko-Gemeinden" vor, und brachte damit zum Ausdruck, wie nachhaltige ethische Verantwortung in christlichen Gemeinden gelebt werden kann.

Der mennonitische Theologe Dr. Fernando Enns, der Vorsitzende der 'Dekade-Steuerungsgruppe und des IÖFK-Planungsausschusses' resümierte eindrücklich beim Abschlussplenum: "Ja, wir begreifen, dass die Uhr tickt für unsere Mutter Erde und das Klima, das das Leben ermöglicht. Aber wir beginnen gerade erst, in einigen Kirchen Beispiele zu entdecken, die den Ruf zur verantwortlichen Haushalterschaft annehmen. Nein, wir sind noch nicht zufrieden."

Zur Vorbereitung auf die Friedenskonvokation hat das Plädoyer für eine ökumenische Zukunft im Januar 2011 ein Klima-Memorandum erarbeitet, das zu einem siebenjährigen Sabbatweg einlädt, in dem die Umsetzung einer sozialverträglichen Klimagerechtigkeit im Vordergrund steht. Darin heißt es:
"Beten und arbeiten für gerechten Frieden und Klimagerechtigkeit, Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit des ökumenischen Zeugnisses und Engagements erweisen sich auch an der realistischen Einschätzung dessen, was bewegt werden kann. Für die Kirchen der Ökumene liegt es zunächst in der Reichweite ihres eigenen Handelns, aber ebenso in ihrem Einfluss auf die Meinungsbildung im öffentlichen Diskurs. Zeugnis und Engagement leben von der Kraft der symbolischen Formen, in denen sich Glaube und ethische Orientierung anderen vermitteln." (S. 21)
Darin wird auch auf die Klimaallianz hingewiesen, zu der sich 110 Organisationen in Deutschland zusammengeschlossen haben (www.klima-allianz.de).

Diese Hinweise aus der aktuellen ökumenischen Debatte machen deutlich, wie ein eindeutiges Ja zum gerechten Frieden und zur Klimagerechtigkeit aussehen kann und was wir für den an Weihnachten verkündigten Frieden auf Erden tun können.
Mechthild Gunkel


Literatur:
Ricklef Münnich, Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, Zur Perikopenreihe IV, hg. von Wolfgang Kruse, Neuhausen 1999, S. 15-19

Philip A. Potter, "... damit Du das Leben wählst", Texte und Reden eines Gestalters der ökumenischen Vision, Göttingen 2011

Plädoyer für eine ökumenische Zukunft, Klima-Memorandum, Januar 2011 (zu bestellen über den Plädoyer-Geschäftsführer Werner Gebert, Banweg 14, 72131 Ofterdingen, Mail: euw.gebert@t-online.de)
Agrotreibstoffe …
18.12.11 Gunkel
(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 4. Adventsonntag | 18.12.11

evang. Reihe IV:
2 Kor 1, 18 - 22
kath. 1. Lesung:
2 Sam 7, 1-5.8b-12,14a-16
kath. 2. Lesung:
Röm 16, 25 - 27
kath. Evangelium:
Lk 1, 26 - 38