Der Autor betrachtet alle Perikopen des Tages in einem gemeinsamen Kontext des Innehaltens, Sammelns und des aus der eigenen Quelle heraus Operierens. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Individualität - warten müssen / warten können; Einswerden der Welt - Einswerden in und mit der Gesellschaft - es gibt kein dualistisches Außensein; Ökologie des Menschen - durch die Taufe von Hang zur Sünde grundsätzlich befreit und zur nachhaltigen Umgestaltung in der Lage
Advent: Innehalten zugunsten der ‚Ökologie des Menschen'
Joh 1, 6-8.19-28 und 1 Thess 5, 16-24 (kath.) mit Röm 15, 5-13 (ev.)

Vorgedanken
Wann wurde sie hektisch, diese Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten? Wann konnten wir unsere Ungeduld nicht mehr zügeln? Und: Was unterscheidet Advent und Weihnachten atmosphärisch von früheren Zeiten?

Als ich mit meiner Familie vor zwei Jahren Ende August aus dem Urlaub zurückflog, versuchte die freundliche Begleitung im Flugzeug uns die Freude auf das mittlerweile schon herbstlich kühle Deutschland mit dem Hinweis auf die Lebkuchen in den Supermärkten zu versüßen. Und jedes Jahr in der Mitte des Advents beklagt sich einer unserer Söhne, dass der Baum bei seinem Freund schon lange stehe, auch die voll besetzte Krippe schon, und freilich auch die süßen Teller. Wir haben das Wartenmüssen verlernt, weil wir es offenbar nicht mehr nötig haben, weil wir auf jeder Ebene unserer Lebensvollzüge zu autonomen, autarken Individu(alist)en geworden sind - und uns unsere Welt so gestalten können, wie sie uns eben gefällt. Rituale erscheinen uns da oft wie ein Korsett aus früheren Zeiten. Wer will sich heutzutage schon etwas vorschreiben lassen, noch dazu von der Kirche? Die entlastende Wirkung eines etablierten Rituals wird so leicht übersehen. Was ich will und was ich lasse, ist jedoch selten dasselbe wie das, was mir gut tut. Generationen von Christen vor uns wussten: Die vita contemplativa ist die Basis einer ausgeglichenen, gesunden vita activa. Meditation, Besinnung und Ruhe bilden keinen Widerspruch zur Aktion, sie ermöglichen diese erst. So will der Advent vor allem eins sein: Die Einladung, zur Ruhe zu kommen. Die Einladung, zu hören. Die Einladung, geistlich in mich zu gehen und mich meiner Quelle zu stellen, aus der alles Engagement und alle Leistung erst ermöglicht sind. Wer sich indes von "adventlicher Geschäftigkeit" mitreißen lässt, erfährt seelisch womöglich das, was der Dichter H. D. Hüsch in seinem - als Einstieg in eine Predigt empfohlenen - Gedicht ‚Feiertage' karikierend auf den Punkt gebracht hat. Wie ich mit mir umgehe, ob ich den Wechsel aus An- und Entspannung, aus activa und contemplativa zulassen kann, so gehe ich grundsätzlich auch mit meiner Mit- und Umwelt um, mit den Menschen und Dingen. So bieten die Texte des heutigen Adventssonntags die Möglichkeit, über diese - primär persönliche, individuelle, immer aber ins Miteinander und die Einstellung zur Schöpfung ausströmende - Haltung nachzusinnen bzw. ihr nachzuspüren.

Heiligung der Leiblichkeit und Licht in der Welt - Johannes, Kap. 1

Es ist nicht verwunderlich, dass mit Beginn des Kirchenjahres mehrfach (an diesem Sonntag, am Hochfest der Geburt des Herrn, 25.12., und auf Silvester, 31.12.) diese Perikope den (kath.) Evangelientext bildet. Es ist dies der grundlegende Text der Inkarnation Gottes in den - vor dem gnostischen Hintergrund gedachten - "Abfall" der Welt. Die Fleisch-Werdung (‚sarx egeneto') Gottes durchbricht damit alle bisherigen philosophischen und religiösen Deutemuster der Verbindung von ‚Geist', ‚Idee', ‚Transzendenz' und ‚Welt'. ‚Oben' und ‚unten', ‚Himmlisches' und ‚Weltliches' vereinigen sich in dieser Welt - ein für allemal. Damit gibt es fortan nichts Menschliches mehr, das dem Gott Jesu Christi fern wäre; und nichts und niemanden, in den hinein ER sich nicht begibt. Mit Ernesto Cardenal formuliert (und gebetet), heißt das: "Ich würde zu Fuß bis ans Ende der Welt gehen, wenn ich dich dort finden würde. Aber du bist nicht am Ende der Welt, du bist in mir."

So kann der Johannesprolog als inhaltlicher Hintergrund der anderen Stellen betrachtet werden, auch wenn in der heutigen Perikope der Schwerpunkt auf den Täufer gerichtet ist: als der, der aufgetreten war, "um Zeugnis abzulegen für das Licht" (Joh 1, 7). Der angeschlossene Vers "Das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, kam in die Welt" (V. 9) könnte als Ausgangspunkt gewählt werden, gegen idealisierende Dualismen zu predigen: Vor dem Hintergrund der nachhaltigen Wirkungen des Papstbesuches im September 2011 in Deutschland könnte zum Beispiel betont werden, dass es grundsätzlich kein christliches Leben ohne das sich Einbringen in die Gesellschaft gibt, ohne den Versuch - biblisch gesprochen - ‚Sauerteig', Ferment einer bürgerlichen Gesellschaft zu sein, dieser Deuteangebote zu unterbreiten, die sie sich - als Gesellschaft in einem säkularisierten Staat (E. W. Böckenförde) - selbst nicht geben kann. Benedikt XVI. begann seine Reihe von insgesamt siebzehn Reden und Grußworten im Schloss Bellevue u. a. mit den Worten: "Es bedarf (…) für unser Zusammenleben einer verbindenden Basis, sonst lebt jeder nur noch seinen Individualismus. Die Religion ist eine dieser Grundlagen für ein gelingendes Miteinander."1) Wie unschlüssig wäre es da, vom Ende der Reden her eine ‚Entweltlichung'2) im Sinne eines Rückzugs oder gar einer Privatisierung des Religiösen zu deuten. Im Berliner Olympiastadion unterschied der Papst zwischen der nur "äußeren Gestalt" der Kirche, an der "manche mit ihrem Blick (…) hängen"3) bleiben würden, und wurde dabei nicht müde, an den eigentlichen Wurzelgrund zu erinnern, der für Christen nicht die Äußerlichkeit sein könne, sondern der Bezug auf Jesus Christus. In Erfurt schließlich sprach Benedikt XVI. von dem "Kontext der säkularisierten Welt, in dem wir (nicht außerhalb! von dem wir; Anm. ThH) heute als Christen unseren Glauben leben und bezeugen müssen." Und weiter: "Natürlich muss der Glaube heute neu gedacht und vor allem neu gelebt werden, damit er Gegenwart wird, aber (…) nur ihn ganz zu leben in unserem Heute (…) hilft"4), was der Papst übrigens als "zentrale ökumenische Aufgabe"5) bezeichnete.

Als Christen - wieder biblisch gesprochen - ‚Salz der Erde' und ‚Licht der Welt' (Mt 5) zu sein, nicht ein Licht außerhalb des Weltlichen und nicht ein Salz, das die Welt versalzt aufgrund seines faden Geschmacks oder eines alt gewordenen Aromas, das ist unser Platz und unsere Aufgabe in der einen Welt von heute. Wie der Täufer haben wir dabei Anteil daran, das göttliche Licht in die Finsternisse unserer Welt zu tragen, womit aber gerade kein Dualismus gezeichnet ist, sondern eben jenes ganz und gar sich Einlassen auf diese existentiellen und seelischen Tiefen durch Gott selbst. Im Advent zeigen sich beladene Menschen dabei oft auffallend offen für Zeichen, Gesten und Rituale der Nähe Gottes, die wir als Seelsorger und Prediger nutzen dürfen.

‚Lobet und danket ihr Völker dem Herrn, freuet euch seiner…' - paulinisches Gemeindeleben

Der älteste der uns erhalten gebliebenen Paulusbriefe, der Brief des Apostels an die christliche Gemeinde in Thessalonich, kann als Extrakt des Seelsorgers Paulus gelesen werden, dem die noch junge Gemeinde sehr am Herzen liegt. Der Gedanke der Heiligung allen Lebens, der Heiligung der Welt und des Leibes, klingt auch hier wieder an - und könnte in einer Predigt als verbindender ‚roter Faden' zum Evangelium des Johannes aufgegriffen werden: "Der Gott des Friedens heilige euch ganz und gar", d. h. an "Geist, … Seele und … Leib" (1 Thess 5, 23) - ganzheitlicher lässt sich nicht denken. In seinem "Katalog" von Anweisungen für das Gemeindeleben scheint die Reihenfolge dieser beachtlich: Zuerst geht es Paulus um die Freude im Herrn, dann um das Gebet, schließlich um den Dank. Mahnend schließt er an, den Geist Gottes nicht "auszulöschen" (V. 19) - er, der die prinzipielle Möglichkeit des Menschen dazu nicht nur als Missionar und Gemeindegründer erfahren hat, sondern auch persönlich um sie weiß. Dieser Perikope vorgelagert ist ein Satz, der an das Talionsprinzip (Codex Hammurapi; im ff. Gen 4; Ex 21; Lev 24; Dtn 20) des Ersten Testaments erinnert und an Jesu ‚neues Gebot', mit dem er diesen Versuch der Eindämmung von Gewalt und Gegengewalt durch die Forderung zum Ausbruch aus strukturellen Gewaltkreisläufen radikal übersteigert: "Seht zu, dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun." (V. 15) Basal scheint hier die Erinnerung an unser aller - über alle konfessionellen Grenzen hinweg - Wurzelsakrament, die Taufe, durch die wir befreit sind vom Hang zur (strukturellen) Sünde. Hier wäre für eine Predigt möglich, die ‚Freiburger Rede' des Papstes an der Stelle aufzugreifen und in Verbindung zum oben erläuterten Tagesevangelium zu bringen, da Benedikt XVI. ebenfalls einen Satz aus dem Johannesevangelium als Grundlage nahm: "Sie (also die Jüngerinnen und Jünger Jesu; Anm. ThH) sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin." (Joh 17, 16). Im Sinne einer angemessenen Deutung wäre die Bedeutung dieses Wortes Jesu zwar klar in den Kontext und die Intention sowohl Jesu, mehr noch in die des Evangelisten zu stellen, in einem grundsätzlichen Sinne sollte sich das Leben der Christen aber immer auch dadurch leiten lassen, dass sie um mehr als um das Verfügbare wissen, dass sie zwar in der Welt, aber geistlich (!) nicht von ihr - das heißt von ihren Maximen und selbstgemachten Lebensentwürfen - sind, konkret: nicht abhängig, nicht letztabhängig von diesen sind. So in einer Predigt an diese Basis erinnert werden könnte, ließen sich zugleich anhaltende Irritationen - die es im Anschluss an die Rede vielerorts gab - im Kontext der dargelegten "Mahnungen" des Paulus und besonders der hier geforderten Christozentrik, jedoch mit Blick auf christliches Leben "ganz (…) in unserem Heute"6), abbauen. Denn schließlich leitet sich daraus das soziale und ökologische Engagement der Christen in der Welt - und nicht nur für die Welt - erst ab.

Das 15. Kapitel des Römerbriefes ergänzt diesen Blick des Apostels auf das christliche Leben von Gemeinde und Kirche (‚Ekklesia'). Als ‚Gott der Geduld' wird der Vater Jesu Christi dabei eingeführt (V 5): als eine Quelle, aus dem die Gaben des Geistes ausfließen und erst wahrhaftiges Miteinander sowie innere Ruhe ermöglichen, um "reich (zu) werden an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes" (V. 13). Nichts, das nicht von Gott kommt; nichts, das nicht zu Gott zurückfließt - so ließe sich der Zielsatz einer Predigt entweder mit Blick auf die Vielfalt der Schöpfung ("Diener der Beschnittenen" [V. 8] … "die ‚Heiden' aber rühmen Gott um seines Erbarmens willen" [V 9]) oder hinsichtlich des Einzelnen ("jeder … soll Rücksicht auf den Nächsten nehmen" [V 2]) fassen. Inhaltlich stimmig könnte dabei an den Gedanken der ‚Ökologie des Menschen' angeknüpft werden, den Papst Benedikt XVI. bislang als "weitgehend ausgeklammert" bewertet hat, während "die Bedeutung der Ökologie (…) inzwischen unbestritten" sei: "Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten (…) Es gibt aber auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit."7) - ein basaler Gedanke, der auch grundsätzlich den Begriff der Nachhaltigkeit über bisherige Bereiche hinaus zu weiten in der Lage ist.
Dr. Thomas Hanstein


1)Benedikt XVI., Rede Schloss Bellevue, 22.09.11, 1.
2)Wörtlich: die von der Kirche geforderte "Anstrengung (…), sich von der Weltlichkeit der Welt zu lösen (...), um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen"; ebd., Rede Konzerthaus Freiburg, 25.09.11, 2.
3)Ebd., Predigt Olympiastadion Berlin, 22.09.11, 4.
4)Ebd., Predigt Domplatz Erfurt, 24.09.11, 9; im Satzbau dem Fließtext angepasst (ThH).
5)Ebd.
6)Vgl. ebd.
7)Ebd., Rede im Bundestag Berlin, 22.09.11, 3.
Aus der Ruhe heraus handeln …


(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 3. Adventsonntag | 11.12.11

evang. Reihe IV:
Röm 15, (4).5-13
kath. 1. Lesung:
Jes 61, 1-2a.10-11
kath. 2. Lesung:
1 Thess 5, 16-24
kath. Evangelium:
Joh 1, 6-8.19-28