Die Autorin betrachtet alle Texte des Sonntags. Stichworte zur Nachhaltigkeit: Pflanzenzucht und Artenvielfalt, Fruchtbarkeit und Erosion, Profit und Elend - Menschen handeln als freigelassene Gedanken Gottes (Jes 63); vom bequemen Jammern, gefangen von den Göttern des Marktes, in die Freiheit (Jes 40, Mk 1); Umweltzerstörung - wie die ersten Christen in der Distanz zur natürlichen Welt gefangen sein, das Ende Gott überlassen - nicht selbst vorantreiben (2 Petr 3)
Text 1: Jesaja 63,15 - 64,1-3 (EKD Reihe IV)

Es handelt sich hier um einen Teil eines Liedes, das in Klage- und Bittgottesdiensten gesungen wurde. Es stammt ursprünglich aus der Zeit vor dem Wiederaufbau des Tempels. Die Klage: "Warum lässt du uns Herr abirren von deinen Wegen..." Die Bitte: "Ach, dass du den Himmel zerrissest....". Der Appell: "Wo ist nun dein Eifer und Deine Macht?". Hinter all dem steht die Sichtweise, dass Gott die Menschen "verstockt" (Vers 17) hat. Er soll es nun richten. Er soll die Menschen auf den rechten Weg zurückbringen.

In einem beliebten neuen geistlichen Lied heißt es. "Du bist ein Gedanke Gottes; ein genialer noch dazu." Wenn Menschen Gedanken Gottes sind mit ihrer ganzen Person, ihrem Denken, Fühlen und Handeln, und wenn diese Menschen böse sind, hat dann Gott böse Gedanken? Hat im Grunde er all die schlimmen Dinge in die Welt gesetzt: Lebensraumzerstörung, Kriege, Völkermord, Selbstmordanschläge, Tierquälerei und vieles mehr? "Die Gedanken sind frei" heißt es in einem alten Lied aus der demokratischen Bewegung. Sie sind es, weil keiner sie erraten kann und sie vorbei fliehen wie nächtliche Schatten. - Nur: irgendwann muss ein Gedanke heraus aus dem Kopf und hinein in die Welt, soll er nicht umsonst gedacht worden sein. Wir teilen Gedanken mit. Wir teilen sie mit anderen. Ab diesem Zeitpunkt werden sie in anderer Weise frei gesetzt. Sie werden ausgeliefert. Sie sind nicht mehr geschützt und verborgen im Inneren des Urhebers. Freigesetzte Gedanken verändern sich und gebären neue, andere Gedanken.

Wir alle sind freigelassene, ausgesprochene Gedanken Gottes, die sich verändern und verändert werden, die sich entwickeln und verwandeln, die manchmal verbogen und entstellt werden von anderen Menschen, von den Umständen, vom Leben. Die Geschöpfe sind Gedanken Gottes, die uns ausgeliefert ist - zum Guten und zum Schlechten. Die moderne Pflanzenzucht hat Getreide und Kartoffeln zum Sattwerden hervorgebracht aber auch Artenvielfalt zerstört und alte, kostbare Kulturpflanzen verdrängt. Der Ackerbau kann Menschen ernähren und Kulturlandschaft erhalten, er kann aber auch Bodenfruchtbarkeit durch Erosion zerstören (wie einst im Mittelwesten der USA), ganze Landschaften ruinieren (Beispiel Aralsee), Menschen ins Elend treiben (Nutzung von Ackerflächen in Afrika durch und für ausländische Firmen, Vertreibung von Kleinbauern). Durch Zucht sind viele schöne und nützliche Tiere entstanden, aber auch Hunde und Katzen mit deformierten Schnauzen, Puten und Masthähnchen, deren Beine ihr Gewicht nicht tragen können.

Jesus ist ein Gedanke Gottes - freigesetzt und so der Welt ausgeliefert - uns ausgeliefert, segensreich als Vorbild für viele Taten der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, Motivationsquelle und Kraftspender, aber auch deformiert - beispielsweise zum Sakralkitsch, zum Zauberer und Allesversteher, zum Vorwand für Mord und Gewalt. Menschen entwickeln sich, sie wirken und wirken sich aus. Sie verändern sich, werden verändert und verändern die Welt. Menschen sind freigesetzte Gedanken Gottes - frei zum Guten und zum Bösen, frei, Leben zu bewahren oder Leben zu zerstören. Unsere Lebensaufgabe ist es, die Gedanken Gottes zu suchen, zu erahnen, zu entdecken und dann sorgsam mit ihnen umzugehen. Advent - Gottes guter Gedanke von Friede, von Liebe und Gerechtigkeit für die ganze Welt kommt bei uns an, liefert sich uns aus. Gott vertraut uns diesen Gedanken an. Er legt ihn in unsere Arme wie ein Kind, damit wir für ihn sorgen solange er uns braucht.

Text 2: Jesaja 40, 1-5.9-11 (Kath. Lesejahr B, 1.Lesung)

Der Prophet sieht Licht am Horizont. Er sieht die Rettung aus der Not. Er kündigt das Ende der babylonischen Gefangenschaft an. Er sieht eine breite gerade Straße in die Freiheit anstelle der Prachtstraßen Babylons. Er sieht einen Weg hinaus ins neue Leben mit Gott als Befreier an der Spitze anstelle der prunkvollen babylonischen Prozessionen mit ausgestellten prächtigen Götterbildern. Gott lässt sich und die Seinen nicht einsperren - nicht in elende und nicht in prachtvolle Gefängnisse. Wo ist Gott? Nicht per se in Kirchen, Altären, Reliquien und Zeremonien, nicht eingesperrt in Traditionen, in sich immer wieder im Kreis drehende Bräuche, nicht eingesperrt in verknöcherte Lehren, nicht ausgeliefert den sich bekämpfenden Lehrmeinungen unterschiedlicher Kirchen. Gott zieht hinaus in die Freiheit. Wir sind frei, ihm zu folgen oder ängstlich zu bleiben. Gefangenschaft ist zum Jammern, aber Jammern kann bequem sein. Man kann sich darin einrichten. Freiheit kann Angst machen. Sie ist unbequem und anstrengend. Wir sind beispielsweise gefangen in unserem klimaschädlichen, umweltzerstörenden, aber recht bequemen Lebensstil. Den Göttern des Marktes mit ihren Priestern - den Rating-Agenturen, Börsenhändlern und Fondsmanagern - opfern wir, damit wir weiter an der Prozession teilnehmen dürfen: Wir opfern Menschenleben (z.B. durch explodierende Lebensmittelpreise, krankmachende Arbeits- und Lebensbedingungen). Wir opfern Lebensräume (Beispiele: Palmölproduktion, Erdölförderung - z.B. in Nigeria, Baumwollanbau). Wir brauchen Gottvertrauen, Träume, Hoffnungen und Menschen, die uns Mut zur Freiheit machen.

Das Bild vom Hirten bereitet mir Schwierigkeiten. Der Prophet benutzt es als Bild für aufopfernde Fürsorge: Schwache Lämmer werden getragen, Mutterschafe behutsam geführt. Als Christen haben wir uns an dieses Bild gewöhnt. Der Pastor - der Gemeindehirte. Aber Schafe sind nicht frei. Sie können nicht selbst entscheiden. Sie werden geschoren, geschlachtet und gegessen. Ihr Fell wird verarbeitet. Meine Pferde wohnen auf einem Hof, auf dem auch Schafe gehalten und geschlachtet werden. Jeden Tag gehe ich an ordentlich aufgestapelten und eingesalzenen Schaffellen vorbei. Schafe werden abends gebracht und am Morgen darauf leben sie nicht mehr. Auch Symbole und Bilder sind Gedanken, die sich verändern, entwickeln, manchmal verbrauchen, nicht in die Zeit passen. Auf dem Weg in die Freiheit sehe ich keine Schafe, sondern riesige Gnu-Herden in der Serengeti, Büffel, die einst zu Millionen durch die amerikanische Prärie zogen, wilde Mustangs in den Rocky Mountains, wilde Kamele in der Wüste Gobi, Störche, Kraniche und Wildgänse, die am Himmel entlang ziehen. Sie alle sind nicht ziellos. Sie wissen ihre Zeit und ihren Weg - aber sie sind frei - in Freiheit gesetzte Gedanken Gottes. Nicht als Schaf sondern in solcher Freiheit möchte ich Gott folgen. - Daran erinnern mich die Rufe der Wildgänse und Kraniche, das Klappern der Störche und das Krächzen der Saatkrähen. Ich würde sie sehr vermissen.

Text 3: 2. Petrus 3, 8-14 (2. Lesung)

Die ersten Christen lebten in der Naherwartung. Den Anbruch des Tages des Herrn - vorgestellt als kosmische Katastrophe - versuchten sie durch ein besonders untadeliges Leben zu beschleunigen. Sie lebten in einer inneren Distanz zur natürlichen Welt, die für uns heute nicht mehr nachvollziehbar ist - eigentlich. Gleichzeitig beschleunigen wir unsere hausgemachten Katastrophen durch unseren Lebensstil, der Lebensräume zerstört, Arten ausrottet, die Klimaerwärmung vorantreibt, die natürlichen Lebensgrundlagen verbraucht. Eine seltsame, absurd anmutende Parallele: Wir sind immer noch in der gleichen Distanz zur natürlichen Welt gefangen und gehen sogar noch einen Schritt weiter: wir treiben die Zerstörung aktiv voran. Der Verfasser des 1. Petrusbriefes hatte immerhin die Hoffnung, dass anschließend etwas Besseres, Nagelneues entsteht. Diese Vision wiederum ist heute vielen abhanden gekommen. Sie sind wie Schafe: zerstören die Weidegründe, die sie ernähren und folgen dem Metzger zum Schlachthaus. Das Ende der Welt sollten wir m. E. Gott überlassen und in der Zwischenzeit der Gerechtigkeit hier und jetzt Raum verschaffen - in gebührender Ehrfurcht vor dem vielfältigen Leben, das Gott - nicht mal eben so, sondern mit Bedacht - geschaffen hat.

Text 4: Markus 1, 1-8

Der Text bezieht sich unter anderem auf Jesaja 40, 1 ff. (siehe Besprechung 1. Lesung). Markus sieht sein Evangelium in dieser prophetischen Tradition. Auf eine ausführliche Besprechung verzichte ich daher.
Heike Krebs
Pflanzenzucht und Artensterben - Mensch als freigelassener Gedanke Gottes …
27.11.11 Nagorni
(© MEV)
zurück zur Übersicht (KJ 2011/12)

Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 2. Adventsonntag | 4.12.11

evang. Reihe IV:
Jes 63, 15-16 (17-19a) 19b; 64, 1-3
kath. 1. Lesung:
Jes 40, 1-5.9-11
kath. 2. Lesung:
2 Petr 3, 8-14
kath. Evangelium:
Mk 1, 1-8