Der Verfasser betrachtet die evangelische Predigtperikope. Stichworte zur Nachhaltigkeit: wachsam sein, Zeichen der Zeit erkennen, (Advent-)Haltung des aktiven Wartens einnehmen und nicht einschläfern lassen oder die Hände in den Schoß legen
A. Einstimmung

Willkommen vor dem Tor der Adventszeit, vor dem wir nun stehen! Ja, ich stelle mir die Adventszeit vor wie ein großes Tor. Vor dem Tor liegen die dunklen Tage des ausgehenden Kirchenjahres. Sie sind gefüllt mit Gedenk- und Jahrestagen, die an die Verletzlichkeit des Lebens, an Abschied und Tod erinnern. Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Ewigkeitssonntag. Allerheiligen und Allerseelen. Das Licht ist knapp und kostbar geworden in diesen Tagen, die noch bis zum Weihnachtsfest mit jedem weiteren Tag etwas dunkler werden. Auch die Kälte hat zugenommen. Entlaubte Baumkronen ragen in den trüben Himmel. Die Natur hat sich in sich selbst zurückgezogen. Aber dann stehe ich vor diesem Tor. Und höre zuerst leise und dann immer vernehmbarer die Melodie jenes alten Liedes, dessen Klang alles um mich herum verwandelt. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit".

Langsam öffnen sich die schweren Flügeltüren des Tores und geben den Blick frei auf den prachtvollen Saal dahinter. Lichter sind angezündet. Sie brennen leise an Wänden und auf gedeckten Tischen. Sie verbreiten Glanz und Wärme. Offenbar wird jemand erwartet. Und die Festlichkeit des Wartens verwandelt alle, die nach und nach diesen Raum betreten. Glänzende Gesichter. Gegen die Dunkelheit der Nacht spürt man den festlichen Glanz immer klarer. Dieser Saal ist anders als alle Wartesäle der Welt. Alle Hektik und Ungeduld ist draußen geblieben. Gefüllt mit erwartungsvoller Freude, die schon jetzt den Blick hebt und Menschen aufrichtet. Tritt also ein in diesen Adventsraum. Mit dem, was dunkel ist in dir und dem, was ans Licht will. Nimm Platz in diesem Saal an einem der Tische. Komm mit und lass dich beschenken!
(Aus: Klaus Nagorni "Wenn die laute Welt ganz leise wird", Eschbacher Adventskalender 2011, Verlag am Eschbach)

B. Meditation

Im Predigttext geht es um das Thema Wachen und Warten. Warten kann man so oder so - entweder gereizt wegen der verlorenen Zeit, die man hätte sinnvoller verbringen können. Genervt, weil es in der Warteschlange, die sich vor einem aufgebaut hat, nicht weitergeht. Verängstigt, weil die Zukunft wie eine schwarze Wand vor einem steht. Oder erwartungsvoll und gespannt, wach und aufmerksam für das, was sich ankündigt und kommen soll. Was erst in Ansätzen vorhanden ist und noch Zeit braucht, um sich entfalten zu können. Was nicht wie ein blindes Geschick über mich kommt, sondern mich ermuntert, ihm aktiv entgegen zu gehen. Um letztere Weise des Wartens geht es in unserem Text. Wilhelm Willms hat ein solches adventliches Warten in seinem Gedicht "andeutung" einfühlsam beschrieben.

andeutung

der kahle strauch / die spur im schnee
das wunderblatt / im grünen klee
sie deuten an / sie deuten an
dass doch noch etwas / kommen kann

die stille nacht / das liebespaar
das mädchen / mit dem stroh im haar
sie deuten an / sie deuten an
dass doch noch etwas / kommen kann

der mann der träumt / die schwangere frau
die dürre zeit / der morgentau
sie deuten an / sie deuten an
dass doch noch etwas /kommen kann

das licht im haus / die offne tür
der tisch gedeckt / ein platz bleibt leer
das deutet an / das deutet an
dass doch noch einer / kommen kann

C. Zum Text

Der Appell zur Wachsamkeit entstammt den jesuanischen Endzeitreden, unter deren Dach verschiedene Textstücke im 13. Kapitel des Markusevangeliums zusammengestellt sind. Es beginnt mit einer Jesusrede an seine Jünger über die Zeichen des nahen Endes, beschreibt die Bedrängnisse der apokalyptischen Katastrophe, tröstet mit der Ankündigung des ankommenden Menschensohnes und ermahnt schließlich zur Wachsamkeit. Durch diese Ermahnung wird das apokalyptische Szenario einerseits unterstrichen, anderseits aber auch relativiert. Denn: niemand weiß, wann das Endes da ist. Darum gilt "Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist!" (Mk 13,33)

Zwei Bilder unterstreichen diesen Gedanken. Erstens: das aus der umgebenden Landschaft stammende Bild vom Feigenbaum, an dessen blühenden Zweigen und grünenden Blättern sich ablesen lässt, was in naher Zukunft zu erwarten ist. Wer die Sprache der Natur versteht und ihre "Andeutungen" lesen kann, der weiß, wann der Sommer und damit die Zeit der Ernte bevorstehen. Zweitens: das dem Alltagsleben entnommene Motiv vom Hausbesitzer, der auf Reisen geht und vorher seinem Personal die Verantwortung für die täglich zu erledigenden Dinge überträgt. Auch hier liegt die Pointe darin, dass der Moment seiner Rückkehr - also Zukunft - nicht vorausgesagt werden kann. Sicher ist nur: er wird wiederkommen. Um keine bösen Überraschungen zu erleben, sollte sein Personal darauf gefasst sein! Und so leben, als wäre jederzeit mit seiner Ankunft zu rechnen.

Trotz seines schweren Inhalts liegt dem Text alle apokalyptische Aufgeregtheit fern. Das Schüren apokalyptischer Ängste ist seine Sache nicht. Und führte nur, wie in einer langen Menschheitsgeschichte zu beobachten ist, zu zwei unerwünschten Reaktionsweisen: dem gleichgültigen bzw. zynischen Schulterzucken, weil "sowieso nichts zu machen" ist. Oder einer hysterischen Betriebsamkeit, die aus den Augen verliert, was und in welcher Reihenfolge vor den Herausforderungen der Zukunft zu tun ist. Apokalyptische Aufgeregtheit ist aber auch darum unangebracht, weil die angesagte Zukunft nicht in menschlichen Händen, sondern in der Hand Gottes liegt. Was hingegen Sache des Menschen ist, beschreibt mit großer Klarheit unser Textabschnitt. Wachsam sein. Nicht die Hände in den Schoß legen, sondern aktiv warten. Dem, was sich andeutet, Raum geben, damit es sich entfalten kann. Sich nicht einschläfern lassen von Parolen, es käme auf uns nicht an. Sich nicht entmutigen lassen von dem Argument, deine Schritte seien zu klein und deine Bemühungen zu schwach. Hinhören auf die Signale des Kommenden. Den Zipfel der sich andeutenden Zukunft zu fassen kriegen. Sich mit dem kommenden Advent verbünden. Diese Haltung gilt es einzuüben.

Schließlich stelle ich mir die Freude des heimkehrenden Hausherrn vor über die, die ihn in seiner Abwesenheit nicht vergessen haben. Die täglich verantwortlich lebten, als wäre er nie abgereist. Als wäre er in seiner Zuwendung und Hilfe für sie immer anwesend geblieben. In solcher Weise adventlich leben, darauf kommt es an. Das bedeutet aber auch, Advent aus seiner zeitlichen Eingrenzung als vierwöchige Zeitstrecke vor Weihnachten zu befreien. Und stattdessen das Leben im Advent zu einer christlichen Grundhaltung werden zu lassen. Denn die Zukunft Gottes steht vor der Tür - jederzeit.
Klaus Nagorni
Zeichen der Zeit erkennen: aktives Warten …
27.11.11 Nagorni
(© MEV)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 1. Adventsonntag | 27.11.11

evang. Reihe IV:
Jer 23, 5-8
kath. 1. Lesung:
Jes 2, 1-5
kath. 2. Lesung:
Röm 13, 11-14a
kath. Evangelium:
Mt 24,37-44 oder
Mt 24, 29-44